Aufsatz 
Über Aucassin und Nicolete / von Hugo Brunner
Entstehung
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Wunder nehmen, dass ihn der Dichter zu einem kriegsfertigen Jüngling gestaltete. Ist doch auch Floire in der zweiten Bearbeitung des Modellgedichtes bereits ein vollendeter Ritter, dessen Kraft und Tapferkeit nicht wenig zur Entwickelung der Erzühlung beitragen. Der Sohn eines fränkischen Grafen musste die Waffen führen; seine ganze Erziehung war darauf ge- richtet, sobald er der einzige Sohn war und nicht in den geistlichen Stand treten sollte. Einen Charakter wie Floirens nach der ersten Bearbeitung konnte unser Dichter demnach nicht brauchen; und es sollte ihm schwer ge- worden sein, von Aucassin eine solche Jugend- geschichte zu erzühlen, wie sie der griechische Roman von seinem Helden für unerlässlich hält. Wol zu beachten ist, dass schon die II. Bearb. die weitschichtige Erzühlung von den gemein- samen Studien der beiden Kinder, ihren schwärmerischen Zärtlichkeiten u. s. f. auf die blosse Erwähnung reducirt hat(II, 257). Auch fühlten die abendländischen Nachdichter wohl die Unvereinbarkeit der Jahre Floirens mit seiner übrigen Reife. Sie glauben dem Hörer eine Erklärung und Rechtfertigung dafür schul- dig zu sein. Daher heisst es in der I. Vers.

Ses eages fu de quinze ans, Et neporquant assez fu granz.(V. 2575).

und in der II. Vers. ganz ähnlich:

Floire n'avoit que seul quinze anz,

Mais a merveilles estoit granz.(V. 657).

Diesen offenbaren Widerspruch zwischen Alter und Entwicklung durfte sich der Verfasser des Aucassin nicht gestatten.

Unser Dichter versetzt uns sofort in mediam rem, mit einigen meisterhaften Zügen voll dra- matischer Lebendigkeit die ganze Sachlage in den Gesprächen der auftretenden Personen kennzeichnend.

Es ist Krieg. Der alte und altersschwache Graf Garin wird in seiner Stadt Beaucaire von dem Grafen von Valence belagert, und der Ansturm der Feinde ist heftig. Möglich, dass dem Verfasssr zu diesem Beginn seiner Erzäh- lung der ebenfalls Eingangs der Geschichte von

Floire und Blanceflor geschilderte Krieg, viel- leicht in der ältern Fassung eines Einfalls der Sarazenen in das südliche Frankreich, die Idee lieferte. Nur konnte, nach der vorgenommenen Vertauschung der Rollen, der Vater Aucassins nicht der angreifende Teil sein. Jedenfalls war dieser Krieg die beste Gelegenheit, den Hörer sofort über die Situation aufzuklären; denn Aucassin will nicht fechten, er erhalte denn Nicolete, seine süsse Freundin, zum Weibe. Hiermit ist der Knoten geschlungen, das Uebrige entwickelt sich naturgemäss. Wenn es dann auffallend ist, dass nicht, analog der Entfernung Floirens nach Montoire, auch Aucassin entfernt wird, um ihn von der Geliebten zu trennen, so ist dies einmal durch die Verhältnisse geboten; dann aber auch nicht ohne Parallele wenigstens mit einer Fassung des Original-Romans, der mittelniederdeutschen. Hier heisst es nämlich,

V. 165 ff. Do sprak de Konyginne: Ik enweit nicht by mynem sinne Wur unse sone wolde bliven, Wen wy Blankflosse leten entliven. We wellen se senden in eyn ander lant: So wart sin mot van ir gewant. u. s. w.

So wird Nicolete entfernt. Ihre Entfernung erzwingt bekanntlich der alte Graf durch die Drohung, sie im Feuer zu verbrennen, sobald er ihrer habhaft werden könne. Statt aber, wie er versprochen, das Mädchen in ein fernes Land zu senden, verbirgt sie ihr Pflegevater, der Vice- graf, in einem einsamen, turmartigen Gebäude (palais) seines Gartens. Offenbar hat hier unser Dichter, da ein Verkauf der Jungfrau nicht anging, ihre Entfernung aus der belagerten Stadt ebenwohl nicht, die Einschliessung ante- cipirt, die Heldin um so interessanter werden lassend, als sie durch eigne kühne Entschlossen- heit dem Gefäüngnisse entrinnt und sich zur freiwilligen Verbannung aus der Stadt anschickt, nicht ohne jedoch vorher mit dem Geliebten geredet und ihn dadurch auf ihre Spur geleitet zu haben. Einschliessung und Entfernung er- folgen lediglich in umgekehrter Ordnung wie im Originalgedicht.