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Wir könnten diese Aenderungen eine Art Chi- asmus nennen: Der heidnischen Königsfamilie, der Floire als letzter von 13 Kindern ent- stammt,¹) steht in unserm Gedicht die Nicole- tens und ihrer 12 Brüder gegenüber(36,3). Dagegen entspricht der christlichen Grafenfa- milie, der Blanceflor als einziges Kind ent- sprossen ist, die des Grafen Garin und seines gleichfalls einzigen Sohnes Aucassin.
Es liegt auf der Hand, dass dieser Wan- del der Verhältnisse tiefgreifende Aenderungen in der Anlage der ganzen Erzühlung bedingte. Nicolete, obzwar auch gleich Blanceflor in früher Jugend von Sarazenen geraubt und für klingende Münze an ihren nachmaligen Pflege- vater verkauft, nimmt doch in unserer Novelle eine wesentlich andere Stellung ein, als jene. Blanceflor ist und bleibt Sclavin im eigent- lichsten Sinne des Wortes; Floirens Vater ist ja eigens ausgezogen auf Menschenraub und schenkt nach seiner Rückkehr seiner Gemahlin die ihr versprochene Christensclavin. Auch später erregt es ihm nicht das mindeste Be- denken, die Tochter dieser seiner Sclavin gleich einer Sache zu verkaufen, und niemand zwei- felt an seiner Berechtigung dazu. Schien es ihm anfangs opportun, sie zu töten, um sie auf diese Weise aus dem Wege zu räumen, so hatte er auch dazu das Recht, wie Blance- flor selbst zugesteht:
Fl. u. Bl. II. 553. Quant il vos plaist que ge ci muere, a vos me rent com a mon pere. Quant vos volez que l'en m'ocie, Vos m'avez tant soëf norrie, De moi faites vostre talant, Comme pere de son enfant.
Die einzige Rücksicht, die der König im letztern Falle zu nehmen hatte, war die auf seine Gemahlin, da ihr eigentlich Blanceflor gehörte, sowie die, welche der Herr überhaupt auf die im Hause gebornen Sclaven nahm. Der König sagt demgemäss in der II. Vers.: Fl. u. Bl. II, 375: Ne sai soz ciel com ge l'ocie,
Quar caienz a esté norrie.
¹) Fl. u. Bl. I 845: De douze enfans nus mais n'avons: Von 12 Kindern haben wir keine mehr.
Eine solche, griechisch-römischen Verhält- nissen entsprechende, unterste Stufe der Scla- verei, in welcher der servus gleich einer Sache aus einer Hand in die andere überging, war dem germanischen Mittelalter zwar durchaus nicht fremd.¹) Doch wenn es in Byzanz nicht auffallend war, einen Königssohn mit einer Sclavin vermählt zu sehen, da hier selbst solche den römischen Kaiserthron bestiegen, ²) im Abendlande wäre ein solches Beginnen recht anstössig gewesen. Schwerlich hätte der Dichter auf Sympathien für Aucassin und dessen Liebe rechnen können, hätte er Nicole- ten in das Verhältnis gebracht, in welchem Blanceflor erscheint. Charakteristisch genug ist vielmehr sein Bestreben, die Heldin in den Augen seiner Zuhörer zu heben. Floire er- widert mit keinem Worte auf den Hinweis seiner Eltern die niedrige Geburt und Stellung Blanceflors betreffend. Er mag dies kaum für nötig halten. Dem Dichter des Aucassin ist es jedoch keineswegs gleichgültig, in welchem Lichte Nicolete erscheint, daher sein Held der einzige ist, der auf die bezüglichen Aeusse- rungen der Eltern eine Antwort hat. Er sagt:
A. u. N. 2,36 ff. Avoi peres! Ou est ore si haute ho- nors en terre, se Nicolete, ma tresdouée amie, l'avoit qu'ele ne fust bien enploiie en li? S'ele estoit enpereris de Col- stentinoble u d'Alemaigne u roine de Franée u d'Engletere
si aroit il assés peu en li, tant est france et cortoise et de bon aire et entecie de toutes bones teces.
Zudem konnte jenes Gedicht, das von Blance- flor handelt, die Entfernung der Handlung und des Schauplatzes und die Autorität der Ueberlie- ferung geltend machen; und doch hüten sich die Nachdichter, Blanceflor jemals direkt als Sclavin zu bezeichnen. Unser Dichter hatte nichts geltend zu machen. Daher behält er wohl die Art und Weise, wie Nicolete in den Besitz des Vicegrafen kommt, bei: sie wird geraubt und verkauft. Aber weiter heisst es von ihr:
A. u. N. 2,30. fillole.
si l'a levee et bautisie et faite sa
¹) s. Zöpfl, Geschichte der deutschen Rechtsinstitute.§ 63. ff. 2) z. B. Theodora.


