Aufsatz 
Über Aucassin und Nicolete / von Hugo Brunner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

und dem allgemeinen Charakter der Dichtung ab- sehen, nicht allzu zahlreiche. Es hat dies seinen Grund darin, dass der Dichter des Aucassin seinem Vorbild gegenüber selbständig dastand; dass er, mit schöpferischem Geiste seinen Stoff erfassend und beherrschend, diesen nach seinem Willen formte. Dabei diente ihm das bekannte und allgemein gerühmte Gedicht wohl als Richt- schnur in der Anlage und Behandlung seiner Fabel; aber er beugte sich keineswegs sclavisch, wie so viele schwächere Geister, der Autorität des Gültigen: er erkannte die Schwächen und Fehler des Modells und vermied sie. Welche Schwächen und wie er sie vermied, werden wir in dem folgenden Abschnitte unserer Erör- terungen festzustellen suchen.

Die erste Aenderung, die wir zu verzeichnen haben, ist die der Namen. Der Held heisst Aucassin, die Heldin Nicolete. Aus dem letzteren Namen hat man gefolgert, dass die Heimat unsrer Cantefable auch wie die des Romans von Floire der griechische Osten sei. Doch war dieser Name, wie G. Paris treffend be- merkt,Dank dem heil. Nicolas, der die Mäd- chen unter die Haube bringt, auch in Frank- reich frühzeitig im Gebrauch. Der Name des Helden aber weist auf arabischen Ursprung hin, falls er, wie nicht anders anzunehmen, mit dem arabischen Alcazin identisch ist. ¹) Die Aen- derung der Namen war teilweise bedingt durch die Verlegung des Schauplatzes der Geschichte. Der Dichter hat die unbestimmte und unbe- stimmbare Gegend, in welcher die Erzählung von Floire und Blanceflor spielt, verlassen; er ver- weist uns aus der dunkeln Region eines mau- rischen Königreiches in Spanien(oder sonst wo) in die helle und bekannte des eigenen Landes: in das südliche Frankreich, an den blühenden Strand der Rhône. Die Städte Beaucaire und Valence werden bestimmt genannt; ob freilich Torelore mit Aigues-mortes, wie Sainte-Palaye

¹) Alcazin war z. B. der Name eines maurischen Königs von Cordova, welcher von 1019 1021 herrschte und auch Murcia(nach der Ermordung Abd-el-Rahmans) eroberte.

behauptet, identisch ist, steht sehr zu bezweifeln, wenngleich sich der Name auf K. v. Spruner's historisch-geographischem Atlas(Blatt XXI) angegeben findet. Dass Torelore kein saraze- nisches Königreich war, wie G. Paris sagt, beweist der Umstand, dass der König die Messe hören will nach der Weise seiner Vorfahren, sobald er das Wochenbett verlassen(29,9 ff). Mit dem Schauplatze der Erzählung änderte sich die Lage der auftretenden Personen mit Notwendigkeit. Doch wir werden sehen, dass auch bei dieser Aenderung unser Dichter sys- tematisch verfuhr. Im südlichen Frankreich war die Heimat Blanceflors; hier wurde ihre Mutter, wenn wir der entschieden älteren Fassung folgen, die uns das mittelniederdeutsche Gedicht von Flos u. Blankflossel) erhalten, bei einem Einfall der Sarazenen geraubt. ²) Blance- flors Vater lebte da als christlicher Edelmann. In der I. Vers. wird er nicht näher be- zeichnet, er ist hier tot; doch Blanceflors Grossvater wirdchevalier, in Flecks mittel- hochdeutscher Bearb.Graf genannt; nach der II. Vers. aber war ihr Vater ein Herzog. Die mittelniederdeutsche Version nennt ihn einen Grafen. Ebenfalls im südlichen Frankreich, und auch als reichbegüterter Edelmann, als Graf, lebte unserm Gedicht zufolge Garin, der Vater Aucassins. Das Land, das früher also nur in zweiter Linie in Betracht kam, ist jetzt der eigentliche Schauplatz der Begebenheit; und der Vater des Helden ist dasselbe, was im Originalgedicht der der Heldin war. Umge- kehrt ist die Heimat Nicoletens da zu suchen, wo früher die Floirens lag, in dem Land der Sara- zenen. Nicoletens Vater ist ein sarazenischer König, also dasselbe, was Floirens Vater ist. ¹) Romant. u. andere Gedichte in Altplattdeutscher Spr. hsgg. v. Bruns. Berlin u. Stettin 1798. ) Erst als die Einfälle der Sarazenen in das südliche Frankreich unter der Herrschaft deutscher Kaiser und durch die Schwäche der Sarazenenherrschaft selbst in Spanien aufhörten, verlegte man den Raub anf eine Pilgerfahrt nach dem Grabe des Apostels Jacobus. Diese

Wallfahrten kamen im 12. u. 13. Jahrh. in Frankreich in Aufnahme. Vgl. Du Méril, Vorrede zu Fl. u. Bl. S. XIX.