Aufsatz 
Über Aucassin und Nicolete / von Hugo Brunner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

9

Nicht minder auch für diese Liebe, diese alles vergessende, nur in der Vereinigung mit dem geliebten Gegenstande sich genügende, weltverachtende, schwärmerische Leidenschaft fand unser Dichter Stoff und Farben in seinem Vorbild. Du Méril sagt von dieser Liebe der beiden Kinder in seiner Vorrede zu Fl. u. PBl. CXLIII, Z. 2 v. u.:

Sie(die Liebe der beiden) hat nichts von jener sinnlichen und erkünstelten Galanterie, die ihr unsere Dichter des XIII. Jahrhunderts geben. Sie bewahrt selbst inmitten der Lieb- kosungen zu Anfang, und der rückhaltlosen Hingabe zu Ende des Gedichts jenen Charak- ter der Kindlichkeit und Reinheit, den die griechischen Romandichter allein seit langer Zeit geahnt hatten u. s. w. Alles dies aber passt in noch erhöhtem Masse für die Liebe unsrer Helden. des Wiedersehens beider in der Blumenlaube (A. u. N. 26.) und die liebende Besorgnis Nicoletens um den Geliebten, dem sie die aus- gerenkte Schulter wieder einrickt und mit einem Stücke Linnen von ihrem eigenen Hemde ver- bindet; oder die Sorglosigkeit Aucassins um die Zukunft, wofern er nur Nicolete, seine süsse Freundin, bei sich hat. Wenn unser Dichter aber dieses Ideal kindlicher und reiner Liebe in den conventionellen Anschauungen und Ideen der Chansons de geste seiner Zeit nicht fand, wo sollte er es besser finden, als in Floire und Blanceflor?

Haben wir hier bereits ein Heraustreten des Dichters aus dem Kreise conventioneller Anschauungen, so haben wir ein solches noch stärker in dem Auflehnen des Kindes gegen die väterliche Autorität, ein drittes Moment, um den innern Zusammenhang der beiden Ge- dichte zu bestätigen. Achtet schon Floire die Mahnungen der Eltern gering, wo es sich um seine Liebe handelt(I, 918 ff. II, 1765 ff.), so steigert Aucassin diese Nichtachtung zu offe- nem Trotz, zu rücksichtsloser Auflehnung ge- gen die väterliche Gewalt.

Es bleibt uns noch übrig, einige Einzel-

Man vergleiche nur die Scene

züge anzuführen, verwandte Schilderungen u. dgl. aus beiden Gedichten, die in ähnlicher Weise in beiden wiederkehrend für eine Bekannt- schaft unsres Dichters mit der Erzühlung von Floire und Blanceflor sprechen.

Vorauszuschicken ist, dass der französische Dichter sich überall einer kürzern und prä- ciseren Ausdrucksweise bedient. Mit wenigen markigen Strichen entwirft er ein Bild dessen, was im Original mit einer oft ermüdenden Weitschweifigkeit erzählt wird. Denken wir aber allen Flitter, das Schmuck- und Beiwerk griechischer Romane aus dem Gedicht entfernt, so werden wir leicht den Ausdruck unseres Dichters wiederfinden.

Beide Erzühlungen beginnen mit der Schil- derung eines Krieges. Bieten auch die einzel- nen Züge wegen der Knappheit der Angaben in unserer Cantefable wenige Punkte der Ver-

gleichung, so ist doch eine gewisse Aehnlich-

keit nicht zu verkennen. Besonders auffallend ist die Wendung in beiden Gedichten:

Ne fu nus jors qu'o sa maisniée

Ne fust li rois en chevaucie;

Viles reuboit, avoirs praoit etc.(Fl. u. Bl. I, 65 ff.

nach der Hs. A.) und A. u. N. 2,3. il ne fust uns seux jors ajornés qu'il ne fust as portes.... a⸗C cevaliers et a⸗X mile sergens a pié et a ceval; si li ardoit sa terre et gastoit son pais et ocioit ses homes.

Wir werden im Weitern noch mehrfach die Bemerkung machen, dass der Verfasser des Aucassin gegenüber dem allgemeinen Aus- druck des Originalgedichtes gern specialisirt: allerdings ein Zug feiner dichterischer Auffas- sung. Denn den einfachen Ausdruck o sa maisniée konkret fassend, sagt er: aC ceva- liers et a-X. mile sergens a pié et a ceval.

Eine besondere Sorgfalt hat der Verfasser des Aucassin der Beschreibung der beiden Hauptpersonen gewidmet; doch führt er sie dann erst unseren Blicken vor, wenn sie auf der Bühne seiner Erzählung handelnd auftreten-. So lernen wir Aucassin bereits im zweiten Ab- schnitt kennen. Nicolete zeigt uns einmal nur

2