Aufsatz 
Über Aucassin und Nicolete / von Hugo Brunner
Entstehung
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nicht vollzogen, doch wird auch sie in einen Turm gesetzt, in ein festes Gemach, dessen Eingang verschlossen und versiegelt wird, so dass niemand ein- noch ausgehen kann. Ihre Klagen aber verhallen ungehört.

Und wie ergeht es dem Helden in der Zeit? Um Blanceflor entfernen zu können, wird Floire nach einer entfernten Stadt zur Schule geschickt. Mit Aucassin wird kürzer verfahren; er wird von seinem Vater in einen Turm gefangen ge- setzt, indes auch während derselben Zeit die Entfernung Nicoletens vor sicht geht.

Bis hierher, wie wir sahen, ist der Gang der Erzählung in beiden Gedichten fast derselbe. Auch das verdient noch Erwähnung, dass nach Nicoletens Entfernung die Kunde durch das Land geht, sie sei geflohen oder gar gestorben(A. u. N. 6,2 ff.), dass Aucassin darüber in untröstliche Klagen ausbricht, und dass er den Verlust nicht überleben zu können denkt(A. u. N. 6,10 u. 7,1. fl). Aehnlich verhält es sich mit Floire, dem die Eltern geradezu den falschen Tod Blanceflors vorspiegeln, so dass er an dem vermeintlichen Grabe der Geliebten sich den Tod zu geben entschlossen ist(vgl. Fl. u. Bl. I. 519 ff.)

Im weiteren weicht unser Gedicht etwas von seinem Vorbild ab, wie nicht anders möglich ist. Denn indes Blanceflor bereits im fernen Land im Turm gefangen sitzt und Floire sich nur aufzumachen braucht, um sie zu suchen, ist Nicolete noch immer in derselben Stadt mit dem Geliebten. Diese Abweichung holt unser Dichter nach, indem er Nicoleten dem Gemache entfliehen lässt. Sie scheidet freiwillig aus der Stadt, um sich in ferne Länder vor dem Zorne des Grafen zu retten. Aber drohen ihr hier nicht dieselben Gefahren wie Blanceflor? Letz- tere ist bereits in der Gewalt eines fremden Mannes; die Gefahr liegt nahe, dass dieser sie zwingt, sein Lager mit ihr zu teilen, dadurch aber der Liebe der beiden Kinder einen tötlichen Stoss versetzt. Auch Aucassin befürchtet Aehn- liches, wenn die Geliebte in die Fremde zieht (Abschn. 14).

Er, wie Floire, machen sich dann auf, die Verlorene zu suchen. Nachdem sie diese endlich gefunden, wobei ein glücklicher Zufall sie stets auf die rechte Spur leitet, und nachdem sie mit der Geliebten vereint noch mancherlei Aben- teuer bestanden haben, kehren sie in die Heimat zurück. Die der Liebe der beiden Kinder im Wege standen, Floirens Vater und Aucassins Eltern beide, sind inzwischen gestorben, sodass nichts mehr ihrem Glücke entgegensteht. Der Held überkommt die väterliche Herrschaft und geniesst noch lange nach endlicher Vereinigung eines heitern Glückes mit der Geliebten.

Diesen seinen Stoff, der, wie wir gesehen, mit dem von Fl. und Bl. zu getreu überein- stimmt, als dass wir nicht einen innern Zusam- menhang annehmen müssten, umwob der Dich- ter des Aucassin mit dem ganzen Zauber mit- telalterlicher Märchenpoesie. Jenes eigentüm- liche Colorit verstand er der Geschichte zu geben, das uns die Personen bald bekannt und vertraut erscheinen lässt, so dass ihr Handeln und Denken uns ganz natürlich und erklärlich ist, bald wieder sie wie gaukelnde Traum- gestalten hinausrückt in das Land der Mär- chen und Phantasien, wo sie allem irdischen Leid entrückt uns aus weiter Ferne nur noch grüssend zuzuwinken scheinen. Aber trägt nicht auch Floire und Blanceflor diesen Cha- racter des Märchenhaften im vollsten Masse an sich, und konnte der Dichter, wenn er die- sen Charakter in etwas anderm, als in der Er- zühlung von unglaublichen Wunderthaten suchte, ein besseres Muster finden als jenes Gedicht? Weder Aucassins noch Floirens Liebe(der er- sten Bearb. zu Folge) bedarf gewaltiger Hel- denthaten, um zu ihrem Ziele zu gelangen. Held und Heldin lassen es gleichsam gehen, wie's Gott gefällt, bald reisst sie die Woge des Geschickes tief hinab in einen Abgrund, bald wirft sie dieselbe Woge wieder an einen blu- migen Strand. Ihre Liebe ist so zu sagen der einzige Leitstern, der sie durch alle Fährlich- keiten hindurch schliesslich in einen glücklichen Hafen führt.