zwar eines der berühmtesten der altfranzösischen Volksdichtung, das uns die Züge unsrer Cante- fable in überraschender Weise wiedererkennen lässt, nämlich das von Floire und Blanceflor.
Diese Aehnlichkeit ist so bedeutend, dass es unmöglich ist, anzunehmen, sie sei eine zu- fällige; eine Vergleichung beider Gedichte wird im Gegenteil dartun, dass dem Dichter des Aucassin jene Erzählung von Floire und Blance- flor bekannt gewesen ist, und dass sie ihm ge- radezu als Muster und Vorbild gedient hat.
I. Floire und Blanceflor als Vorbild zu Aucassin und Nicolete.
Unsre erste Aufgabe wird es sein, den oben angedeuteten Vergleich auszuführen.(1.)— So- dann werden wir untersuchen, in welchen Punk- ten und warum unser Dichter seine Geschichte an- ders gestaltete, als ihm sein Modell an die Hand gab, und in wiefern diese Aenderungen seinem Werke zum Vorteil gereichen.(2.)— Schliesslich werden wir uns mit der Frage beschäftigen, welches der beiden von Edélestand du Méril (Floire et Blanceflor, poèmes du XIII. siècle, p. p. E. du M. Paris Jannet. 1856.) mitgeteilten, den Stoff der Erzühlung von Floire u. Blance- flor behandelnden Gedichte dem Inhalt des Aucassin am nächsten steht.(3.)
1. Die beiden Versionen der Geschichte von Floire und Blanceflor, wie sie uns in der von Du Meril mitgeteilten Ausgabe vorliegen, sind etwa ein Jahrhundert nach der Abfassung des Aucassin niedergeschrieben. Gleichwol ist der Stoff der Erzäühlung selbst viel ältern Ursprungs, er hat, wie Du Méril in der Vor- rede zu seiner Ausgabe nachgewiesen, seine Heimat in dem byzantinischen Osten und ist erst von hier aus dem Abendlande übermittelt worden. In Frankreich fand er eine zweite Heimat und erneute Pflege, wie die zahl- reichen Anspielungen in den Gedichten alter Schriftsteller beweisen.¹) Von hier aus drang ¹) vgl. Du Méril, Vorrede S. XIII. desgl. Sommer, Vor-
rede zu seiner Ausgabe des Kuonrat Fleck: Flore und Blanscheflur. Quedlinburg u. Leipzig 1846.
sie dann in die Literatur der übrigen Völker des Abendlandes.
Demnach sind wir zu der Annahme be- rechtigt, dass unser Dichter das Vorbild zu seinem Gedicht bereits in der Poesie seines Volkes vorfand. Wenn wir nunmehr zu der Vergleichung der beiden Gedichte selbst schrei- ten, so müssen wir das festhalten, dass nicht die bestimmte Fassung der spätern Bearbei- tungen von Floire und Blanceflor, sondern über- haupt der Stoff der Fabel allgemein zur Ver- gleichung herbeigezogen werden muss.
Die erste sofort in die Augen springende Aehnlichkeit zwischen Aucassin und Nicolete auf der einen, und Floire und Blanceflor¹) auf der anderen Seite ist die Gleichheit der Ver- hältnisse, in denen die beiden Hauptpersonen zu einander stehen. Die Heldin ist in ihrer frühesten Jugend aus ihrem Vaterland geraubt, ihre Herkunft ist dunkel und gereicht ihr fort- während zum Vorwurf.
A. u. N. 2,27: Nicolete laise ester; que éë est une caitive qui fu amenee d'estrange terre u. s. w.
Fl. u. Bl. I, 865: Povre chose de bas endroit, und 3 Fl. u. Bl. II, 372: Povre chose est et orfenine, sowWie Fl. u. Bl. II, 1725: La pucele velz aler querre
Qui fu proiee en autre terre!
Dazu klebt ihr der Makel der Unfreiheit an. Der Held dagegen ist der einzige Sohn hoher Eltern, in dem einen Gedicht der Sohn eines mächtigen und reichen Grafen, in dem andern der eines Königs. Aber er ist mit der Heldin zusammen aufgewachsen und mit ihr durch die innigste und zärtlichste Liebe ver- bunden. Er ist so im Liebesbann verstrickt, dass er überhaupt für nichts anderes mehr Sinn hat.
Von Floire heisst es:
Fl. u. Bl. I, 360: Mais ne li chaut de riens qu'il vie: Por Blanceflor qu'il n'a, s'amie, En non-chaloir a mis sa vie.
und von Aucassin: A. u. N. 2,15: Mais si estoit soupris d'amor qui tout
¹) Wir werden der Kürze halber im Folgenden die beiden Erzäühlungen einfach mit A. u. N., und Fl. u. Bl. bezeichnen.


