20,31; 22,30), sich nachweisen lässt, müsste eine Untersuchung an Ort und Stelle ergeben.
Die Form unsres Gedichtes ist einzig in der französischen Literatur, und ihre An- wendung lässt bereits auf einen geläuterten Kunstgeschmack schliessen. Heimisch ist sie in arabischen Dichtungen, jedoch mit dem Unterschiede, dass hier in den Abschnitten mit gebundener Rede die Erzählung nicht, wie im Aucassin, fortschreitet, sondern rein lyrischen Ergüssen vorbehalten ist. Immer- hin würde dieser Umstand, liesse sich über- haupt arabischer Einfluss in den Dichtungen der Nordfranzosen oder auch nur der Proven- çalen nachweisen, Vermutungen über die Her- kunft dieser unsrer Erzählung gestatten. So miissen wir annehmen, dass der Verfasser sich die Form selbständig erschuf(für die er den sehr zutreffenden Namen„Cantefable“ wählte), wie dies z. B. auch Boccaccio mit seinem Hir- tengedicht Ameto that, an das u. a. auch die in Auc. u. Nic. auftretenden Hirten erinnern. Was die assonirenden Abschnitte(Laisses) betrifft, so bestehen diese aus siebensilbigen einreimigen Verszeilen von beliebiger Anzahl, mit einem fünfsilbigen reimlosen weiblichen Schlussvers; sie sind sonach im Tone und teilweise im Sil- benmasse der Volksepen gedichtet, an welche auch ihre ganze Haltung erinnert(vgl. den in Laissen aus Achtsilblern gedichteten Gor- mund mit seinem Refrain; Amis et Amiles mit einem weiblichen Sechssilbler als Schluss- vers hinter Zelmsilblern; und in der gleichen Form Jourdain de Blaives, sowie die Gedichte über Guillaume d'Orange).— Der Abschnitt 15 unsrer Cantefable erinnert an die Situation der Tagelieder. Diese im Mittelalter sehr beliebte Dichtungsweise, bei den Provençalen alba ge- nannt, bringt gern die(vom Dichter fingirte) Idee der Warnung zweier Liebenden durch den Turmwächter zum Ausdruck, und zwar in der Weise, dass der Wächter die Liebenden auf- fordert, ihrem heimlichen Liebesgenusse Ein- halt zu thun, widrigenfalls der heraufsteigende Tag Verrat an ihnen üben werde. Diesem
an sich schon hochpoetischen Gedanken hat unser Dichter eine neue Wendung gegeben, ebenso wie dies Shakespeare vier Jahrhunderte später that, indem er sich von derselben Lieder- form in Romeo und Julia beeinflussen liess, in der herrlichen Abschiedsscene zwischen Ro- meo und Julia(Act. III. Scene V): Willst du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern etc.
Gegen den Schluss des Gedichtes ist von Seiten G. Paris' ein Einwand erhoben, der dem Dichter die freie Erfindung der anmutigen Wendung, welche die Erzählung durch die Ver- kleidung Nicoletens als Spielmann nimmt, ab- spricht. Paris stellt nemlich die Behauptung auf, die Idee dazu sei dem Beuve de Hanstone entnommen, da hier eine ühnliche Episode vor- komme,— oder vielmehr, der ganze Schluss des Aucassin sei eine Nachbildung jener Stelle. Die Annahme scheint unzulässig aus innern Gründen. Wenn Nicolete die Verkleidung als jougleor benutzt, so muss sie dies thun, um heimlich aus ihrem Vaterlande zu entkommen. Ebensowenig aber will sie bei ihrem ersten Auftreten von Aucassin erkannt sein. Und was das wichtigste ist, sie erscheint als joug- leor, d. h. als männlicher Spielmann. Anders liegen die Verhältnisse im Beuve de Hansto- ne. Josiane, die einstige Geliebte Beuves, wählt die Verkleidung einer jougleresse, mit- hin eine wesentlich andere als Nicolete. Josiane erscheint in der gewählten Gestalt nur, um ihren einstigen Geliebten an die Heimkehr in sein Vaterland und die Rache an seiner falschen Mutter und deren bösem Liebhaber zu mahnen. Auf eine wirkliche Mystification, wie im Au- cassin, läuft die Verkleidung nicht hinaus: Jo- sianen kommt es nicht in den Sinn, sich vor dem Geliebten zu verstecken, vielmehr nur eine passende Art und Weise zu finden, wie sie von dem bemerkt werde, den sie zu sprechen wünscht. Von einer Nach- dichtung kann, wie man sieht, daher keine Rede sein: die innerliche Verschiedenheit der Erzäh- lungen selbst lässt dies nicht zu.
Dagegen ist es ein anderes Gedicht, und


