Aufsatz 
Über Aucassin und Nicolete / von Hugo Brunner
Entstehung
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lose Mädchen ganz allein in den grossen, wilden Wald geht.

Wichtiger ist, was G. Paris gegen die Lage der Stadt Beaucaire einwendet, die un- ser Dichter angeblich an das Meer rückt. Die bezügliche Stelle(34, 10 ff.) lautet: Li nes u Aucassins estoit ala tant par mer waucrant, qu'ele ariva au castel de Biaucaire, et les gens du pais cururent au lagan si troverent Aucas- sin si le reconurent. Quant éil de Biaucaire virent lor damoisel etc. Hierzu hat Suchier bereits früher¹) geltend gemacht, dass vielleicht das Meer einst weiter in das Land eindrang, dass also Beaucaire dem Strande näher lag. Und in der That bildete der étang de Valcarès im Mittelalter einen Teil des Meeres, resp. stand mit diesem in Verbindung, sodass es denk- bar ist, dass das Schiff hier hineintrieb. Nicht minder ist folgende Stelle zu der unsrigen in Vergleich zu ziehen, welche sich in Guillaume d'Orange²), und zwar in derBataille d'Ales- chans findet. Es heisst daselbst(78656):

De lor noveles lor prist à demander,

Com il Pont fet en Alischans sor mer. Wenn nun hier Aliscans, dies sagenberühmte Feld bei Arles, als am Meere gelegen bezeich- net wird, warum dann nicht auch Beaucaire? Zudem besagt die Stelle gar nicht, dass das Schiff unmittelbar vor der Stadt selbst anlangte, denn dann würde der Dichter: desox le castel de B. gesagt haben, wie er 36,8 sagt: II nagierent tant qu'il ariverent desox le cité de Cartage³). Jedenfalls ist der Ausdruck unsres Textes nicht derart, dass das unmittelbare An- landen vor der Stadt mit Notwendigkeit daraus gefolgert werden müsste. Er passt auch noch, wenn wir die Stadt uns nur in der Nähe des Meeres gelegen denken und eine kürzere Aus-

¹) Augsb. Allgem. Ztg. vom 1. Dec. 1878.

²) Ausgabe von A. Jonckbloet, Haag 1854.

³) Man vergleiche hierzu folgende Stellen: Floire u. Blanceflor I. 1173: Au meme jor sont arrivé

Sous Baudas, une grant cité. und II. 1841: Fusis sont arrivé.

Desoz

drucksweise von Seiten des Verfassers gelten lassen. Auch wird an andern Stellen(27,15 fl. 38,22 ff.) ausdrücklich erzählt, und von G. Paris selbst anerkannt, ein wie weiter Weg erst zurückgelegt werden musste, bis man von der Stadt zur Küste gelangte, und umge- kehrt. Es steht gleichfalls nicht da, die Ein- wohner der Stadt Beaucaire seien zum lagan geeilt, sondern nur les gens du pais; diese erkennen Aucassin, aber nicht als ihren Herrn, und erst weiter heisst es: Quant eil de Biaucaire virent lor damoisel etc.

Seine Anwesenheit in der Provence hat der alte Dichter nirgends selbst bezeugt. Doch kennt er Valence und Beaucaire und weiss, dass die letztere Stadt ein sehr schönes und festes Schloss, das schönste und festeste weit und breit hat(3,1 2, 8,14). Solches aber war in der That der Fall, wie bekannt ist, denn das Schloss gab dem Orte den NamenBellum quadrum und verdrängte den des alten Uger- num¹). Nicht minder kennt der Dichter die Nähe des Flusses, dessen er, gleichsam als eines bekannten Gegenstandes, nur beiläufig Erwähnung thut(18,7). In doppelter Bogen- schussweite von der Stadt soll der Forst lie- gen; zwischen dem Forst, dem Flusse und der Stadt aber lassen die Hirten ihr Vieh weiden. Auch hiermit ist es richtig bestellt: doch wer- den heutigen Tages auf dem ausgedehnten Wiesenplane, da wo einst die Hirten ihr Vieh weideten, jene Messen abgehalten, durch wel- che Beaucaire berühmt ist, und es ist schon oben darauf hingewiesen worden, dass leicht unser Dichter diese Messen aus eigener An- schauung kannte. Ob die Quelle am Saume des Waldes, deren dreimalige ausdrückliche Erwähnung jedenfalls auffallend ist(18,7;

¹) Das Schloss wurde erst 1632 unter Richelieu zerstört. Eventuell gab dem Dichter die ihm bekannte Existenz dieses Schlosses den Gedanken, die Stadt zum Schau- platz seiner Erzählung und zum Wohnsitz des Grafen Garin zu machen.Denn, dachte er,wo solch' ein Schloss steht, kann leicht auch ein Graf gewohnt haben.