das Gedicht eher noch in die Regierungszeit Ludwigs VII. als in die Philipp Augusts ver- legt sehen möchte. Suchier sucht beide An- sichten zu vereinigen und glaubt das Richtige zu gewinnen, wenn er die erste Hälfte des XIII. Jahrh. als die Abfassungszeit des Au- cassin ansieht. Wir lassen die Ansicht Sainte- Palaye'’s, als mit dem sprachlichen Charakter des Aucassin nicht vereinbar, beiseite. Gegen die Behauptung Suchier's macht G. Paris gel- tend, dass man so spät nicht mehr in so freien As- sonanzen gedichtet habe; während jener findet, dass die Assonanzen stark dem Reime zustreben. Ob aus dem Charakter dieser eine so scharfe Fol- gerung auf die Zeit gezogen werden kann, wo es sich um einen Zeitraum von vielleicht fünfzig Jah- ren handelt, bezweifle ich, da auch bei der Beur- teilung der Reime das Können des Dichters in Rechnung zu ziehen ist. Zudem deutet dielaltung des Geêdichts auf ein vorgerickteres Alter des Ver- fassers, und auch Suchier gibt zu, dass dessen Jugendzeit noch dem XII. Jahrh. angehört hat. Hierdurch lassen sich leicht manche al- tertümliche Formen, welche die Assonanzen er- halten haben, erklären. Dem Gedichte selbst lässt sich nichts entnehmen. Möglicherweise aber hatte unser Dichter, in seiner Eigen- schaft als umherziehender Spielmann, eine je- ner grossen Messen besucht, durch die die Stadt Beaucaire berühmt war und welche einen neuen Aufschwung nahmen, als ihnen Raimund, Graf von Toulouse, im Jahre 1217 unbedingte Zollfreiheit gewährte. Zu diesen Messen fand sich regelmässig eine Menge fahrender Spiel- leute ein, da sie bei dem Zusammenströmen einer grossen Zahl von Fremden sicher waren, gute Geschäfte zu machen. Zugleich ist es leicht denkbar, wie bei solcher Gelegenheit unser Dichter die Bekanntschaft der Stadt Beaucaire und der Gegend hatte machen können.
Damit sind wir jedoch bei einer weiteren Frage in Betreff der Person des Verfassers angelangt, pemlich der, ob er überhaupt im sidlichen Frankreich gewesen ist. G. Paris leugnet dies auf das entschiedenste, und macht
hierfür einige Gründe geltend, welche aller- dings auf den ersten Anblick viel für sich zu haben scheinen. So sagt er, unser trouvère mache Beaucaire zu einem Grafensitze, und doch habe die Stadt niemals Grafen gehabt. Es dehne sich bei ihm vor den Thoren dersel- ben ein Wald aus, der 900 Quadratmeilen gross und mit Löwen und andern wilden Tie- ren bevölkert gewesen sei. Und schliesslich lasse er das Schiff Aucassins vor Beaucaire landen, wo dann die Einwohner zur Strand- räuberei eilten: er verlege also die Stadt selbst an die Meeresküste.— Es will uns scheinen, als ob diese Gründe nicht viel bewiesen. An ein Dichterwerk dürfen wir den Masstab re- aler Verhältnisse nicht anlegen, am wenigsten an das uns vorliegende. Unser Dichter war ein Kind des nördlichen Frankreich, und wird zunächst nur für die Landsleute nördlich der Loire gesungen haben. Gerade deshalb wählte er zum Schauplatz seiner Geschichte den son- nigen Süden. Wenn er Grafen von Beaucaire erfindet, so konnte er höchstens in Beaucaire selbst und in der dortigen Umgegend damit Anstoss erregen!¹). Gleichfalls in das Gebiet dichterischen Beliebens ist die Erwähnung des Waldes von 30 Meilen Breite und ebensolcher Länge zu verweisen. Ob der Verfasser über- haupt einen Begriff davon hatte, welch' unge- heure Fläche ein solcher Wald einnehmen würde, bezweifle ich sehr. Zudem brauchte der Dichter, wollte er die Gefahren in das rechte Licht setzen, denen Nicolete bei ihrer Flucht entgegenging, einen solchen Wald, womöglich mit allerlei gefährlichem Getier bevölkert. Er wollte nur schildern, wie das junge, hülf-
¹) Die Stadt Beaucaire wurde 1125 von Raimund Beren- gar I., Grafen von Barcelona, an Alfons Jourdaip, Gra- fen von Toulouse überlassen, nicht minder die Grafschaft Valentinois mit der Hauptstadt Valence. Um 1135 war Graf von Valence Aimar I. von Poitiers, ihm folgt Guil- laume I. und seit 1189 spätestens Aimar II, dann 1230 Aimar III. Beaucaire wurde 1226 als albigensische Stadt von Karl von Apjou erobert und fortan Sitz eines Sene- schallats.
1*


