wesenen Kreuzfahrer zu halten, ist sehr bedenk-
lich, da die in Frage stehende Stelle, so wie sie lautet, keinen genügenden Sinn gibt. Kaum der Widerlegung wert ist eine von Ch. Vanderbourg aufgestellte Behauptung über die Person des Autors, welche sich in dem von dem Genannten selbst verfassten und einer fingirten Dichterin des XV. Jahrhunderts zugeschriebenen Buche: Poésies de Margucrite- Eléonore Clotilde de Vallon-Chalis etc. Paris 1824. vorfindet. Der angebliche Herausgeber stellt in seiner Vorrede eine Genealogie von Dichterinnen auf, von Héloise, der Freundin Abälards, bis auf seine Dichterin mit Aus- nahme jener fast lauter fingirte Namen, eine Schule, in der sich das Feuer der reinen Po- esie wie ein Geheimnis vererbt habe. Unter diesen Dichterinnen nennt er eine, Barbe de Verrue, troubadouresse zur Zeit des heil. Ludwig, mit der grössten Kaltblütigkeit als die verschollene Verfasserin des Aucassin (Vorrede S. XXXIII). Um ihr ihre Rechte auf den Aucassin zu sichern, hat Vanderbourg zugleich einen Prolog zu diesem bei der Hand, angeblich ebenfalls aus der Feder der genannten Schriftstellerin, doch hätte er besser gethan, diesen fortzulassen. Denn er beweist höchstens,
dass Vanderbourg den wirklichen Aucassin
nie zu Gesicht bekommen hat; hat er ihn aber gelesen, so hat er ihn nicht verstanden. Ein Blick auf den seltsamen Prolog wird das Ungereimte seiner Behauptung einem jeden klar machen. Denn schon äusserlich passen die acht- und neunsilbigen Verszeilen, von denen je zwei zusammen reimen, gar nicht zu dem Charakter unsrer Cantefable. Dies hat der Verfasser auch gefühlt, und so lässt er eine neue Behauptung mit unter fliessen, in- dem die angebliche Dichterin gesteht, den Au- cassin einem provençalischen Troubadour, Jé- ronyme, dict l'Africain, entlehnt zu haben. Er sagt: Keineswegs der Verse wegen habe ich diesen Prolog citirt, sondern als ein äusserst kost- bares Bruchstück in den Annalen der Trouba- dours, welche das interessanteste Fabliau, das man
kennt(Aucassin und Nicolete), für sich in An- spruch nehmen können; um ferner zu zeigen, wie sehr die Unwissenheit und Ungenauigkeit der französischen Abschreiber der Langue d'oui diesen kleinen Roman entstellt haben, dessen Reime in den ursprünglichen Handschriften be- ständig abwechseln(sont constamment alterna- tives). Daraus geht auf das Klarste hervor, dass Vanderbourg die Assonanzen für corrum- pirte Reime ansieht. Den provençalischen Dich- ter nennt er Jérony me, ohne zu bedenken, dass aus dem so betonten Namen sich nie der neu- französische Jérôme hätte bilden können, an- derer zahlreicher Verstösse gegen die Gram- matik in den wenigen Zeilen des sogen. Pro- logs zu geschweigen. Auch die Orthographie, die Vanderbourg sich zu eigen gemacht, ist nicht die des Aucassin, sondern die im 15. Jahrh. gebräuchliche. Und wo sollen schliess- lich die„zahlreichen“ Abschreiber des Gedich- tes herkommen, da die angebliche Dichterin kaum viel älter sein könnte, als es die uns erhaltene Handschrift selbst ist?— Doch wir haben schon unverdienter Massen lange bei einer leeren Behauptung verweilt, der durch eingehendere Besprechung zu viel Ehre ange- tan würde. Wir wenden uns zu einer Be- sprechung der Zeit, in der unser Dichter aller Wahrscheinlichkeit nach gelebt haben muss.—
Sainte-Palaye in seiner Bearbeitung uns- rer Cantefable¹), und auf seine Auctorität hin eine grosse Anzahl späterer Bearbeiter, setzen die Abfassung des Aucassin unter die Regie- rungszeit des heil. Ludwig, mithin in die zweite Hälfte des XIII. Jahrh. Dieser Ansicht wider- spricht jedoch zuerst Roquefort²)(S. 259 ff.) aus sprachlichen Gründen, und setzt die Can- tefable in das XII. Jahrh. Ihm hat sich in neuerer Zeit G. Paris angeschlossens), indem er ¹) Zuerst erschienen in der Zeitschrift Mercure. Die Spe-
zialausgabe aus d. J. 1756 u. neu aufgelegt 1760. 2²) Roquefort-Flaméricourt: De l'état de la langue fran- çoise dans les XII. et XIII siècles. Paris 1815.
³) Vorrede zu Bida's Bearbeitung des altfranz. Gedichtes
mit dem Abdruck des letzteren von G. Paris und Roma- nia VIII. S. 284.


