Aufsatz 
Über Aucassin und Nicolete / von Hugo Brunner
Entstehung
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Über Aucassin und Nicolete.

Die liebliche Erzühlung von Aucassin und Nicolete dürfte wol kaum in der gesamten französischen Nationalliteratur, der alten wie der neuen, ihres Gleichen haben. Die zauber- volle Macht der Liebedie alles besiegt, die die Kinder hinaustreibt in die Welt, die sie Vater und Mutter vergessen und Ehre und Reichtum und hohe Geburt verachten lässt, wofern sie nur sich selbst haben, diese wunderbare Macht, von deren Freuden und Leiden die Dichter aller Völker gesungen ha- ben und singen werden, und deren Zauber ge- fühlt zu haben sich jeder glücklich preisen kann: sie ist der Mittelpunkt unsrer Erzühlung. Der ganze Duft des Minnelebens ist über die Geschichte ausgegossen(Suchier, Vorrede zu Auc. u. Nic.)¹) Wie thöricht die Liebe der beiden Kinder sei, von denen das Gedicht han- delt, wer möchte nicht so lieben oder ge- liebt haben, wie Aucassin? Wer möchte ihn bei der reizvollen Schilderung Nicoletens nicht um den Besitz dieses liebenswürdigen Kindes beneiden? Der Dichter, indem er uns einlädt, seinem Sange zu lauschen, und davon sagt, er sei so süss, dass keiner, und wäre er auch noch so traurig, noch so schmerzerfüllt und krank, nicht seiner Schmerzen genesen und von Freu- den erfüllt werden möchte, wenn er ihn höre: er verspricht wahrlich nicht zu viel. Dennim Märchentone so warm und so wahr zu erzühlen, den schelmischsten Humor mit solcher Treu- herzigkeit vorzubringen, die thörichtste Liebe

¹) Aucassin und Nicolete, neu nach der Handschrift, von Hermann Suchier, Paderborn 1878. 2. Aufl. 1880.

mit solcher Lebenswahrheit zu schildern, dürfte selten einem Dichter gleich ihm gelungen sein. (Suchier).

Leider wissen wir über die Person dieses Dichters nichts, und nur Vermutungen sind gestattet. Doch können wir annehmen, dass er den niedern Schichten des Volkes entspros- sen war und zu der grossen Zunft der jougleor, der fahrenden Leute, gehörte. Denn es ist nicht wol denkbar, dass ein Dichter adliger Abkunft gemeine Leute, wie die Hirten(Abschn. 22) oder den Bauernknecht(24) so zu dem vornehmen Junker reden lassen würde, wie dies in unserm Gedichte der Fall ist. Zu- gleich wird in der letztgenannten Stelle die Not des gemeinen Lebens mit einer Treue ge- schildert(doch ohne Uebertreibung), die auf genauere Bekanntschaft mit dem Lose der untersten Classen schliessen lässt. Den Dichter als Spielmann zu denken, liegt sehr nahe. Wer würde in jener Zeit der Blüte und Macht der Kirche, und noch vor der Regierung des heil. Ludwig, so die Schale seines Hohnes über die Geistlichkeit und ihren frömmelnden Anhang ausgegossen haben, wenn nicht einer der von ihr stets verfolgten Zunft der Spielmänner? Endlich ist es der Schluss unsres Gedichtes, die Rückkehr Nicoletens in der Verkleidung eines Spielmannes, ihre reizende Schilderung als sol- cher, die uns glauben lassen, dass unser Dich- ter in näherer Verbindung mit jenem Stande gewesen sei. Ihn mit Rücksicht auf die er-

sten Verse der Cantefable: Qui vauroit bons vers oir Del deport du viel caitif... für einen in saracenischer Gefangenschaft ge- 1