Aufsatz 
Zur Geschichte und Literatur der Samaritaner
Entstehung
Einzelbild herunterladen

1

nehmſte war, ihren Eindruck nicht verfehlen. In Judäa fanden Chiskias Pläne und Vorſätze Stütze und Anklang, und wenn auch in Israel anfangs die dorthin geſchickten judäiſchen Send⸗ boten mit Hohn zurückgewieſen wurden, ſo hatte die Aufforderung zur Theilnahme an dem neuen geiſtigen Aufſchwunge doch wenigſtens den Erfolg, daß dadurch der Boden empfänglich gemacht wurde für den geiſtigen Verkehr, den nachmals der gottesfürchtige und thatkräftige König Joſia zwiſchen Juda und den Reſten Israels herzuſtellen bemüht war.

Den Coloniſten. konnte die eigenthümliche Religionsübung der zurückgebliebenen Bewohner nicht unbemerkt bleiben, ja ſie ſcheint bei ihnen ſogar in hoher Achtung geſtanden zu haben, da ſie bei der erſten Veranlaſſung dieſelbe annehmen und zu ihrer eigenen machen wollten.

Mag es nun ſein, daß in Folge der lange anhaltenden Kriege, bei der Verödung und Verwilderung des Landes, Löwen derart überhand nahmen, daß ſie zur verheerenden Landplage geworden, wie ja auch ſchon in normalen Zeiten Todesfälle durch Angriffe von dieſem Thiere vorkamen, oder daß, wie der jüdiſche Geſchichtsſchreiber Joſephus berichtet, eine verheerende Peſt ausgebrochen, oder daß, wie der ſamaritaniſche Chroniſt Abul⸗Fatha erzählt, anhaltende Dürre und Hungersnoth im Lande geherrſcht haben, ſo daß nach den Schilderungen im ſamaritani⸗ ſchen Buche Joſua ein Fluch gleichſam über das Land ausgebreitet lag, deſſen Früchte ſchön und prächtig zum Anſehen, Tod und Verderben in ſich bargen, ſo viel geht aus allen dieſen Berichten, die ſich nur in der Art und nicht in der That widerſprechen, hervor, daß die Coloniſten ſich in den neuen Wohnſitzen nicht heimiſch fühlten.

. Bei dem abergläubiſchen Sinn, der beſonders den aſiatiſchen Heiden zu eigen war, iſt es leicht begreiflich, wie die Plagen als Strafe und Rache des erzürnten Landesgottes aufge⸗ faßt wurden.

Der König von Aſſyrien, wahrſcheinlich Aſſarhaddon, von der ſchlimmen Lage der Coloniſten in Kenntniß geſetzt, ließ in Folge deſſen einen gefangen geweſenen iſraelitiſchen Prieſter nach Samaria zurückkehren, damit er dort dieſelben in den Geſetzen, nach denen man den gefürchteten Landesgott verehren müſſe, unterweiſe. Der Prieſter ließ ſich in Bethel, einer alten geheiligten Stätte des iſraelitiſchen Cultus nieder.

So traten, durch die äußeren Umſtände geboten, zwei einander ganz entgegengeſetzte religiöſe Weltanſchauungen in inneren Contact mit einander, von denen die eine immer mehr im Abſterben, die andere im Aufblühen begriffen war.

Obzwar die Coloniſten neben den neuen Lehren und Anſchauungen auch ihre alten ange⸗ ſtammten Heimatsgottheiten anfangs noch beibehielten, ſo daß ſie, wie der Berichterſtatter erzählt, Gott gefürchtet und ihren Göttern gedient haben, ſo hatten ſie doch, wie ſie als Miſchvolk die Spuren ihrer verſchiedenen Herkunft durch ihr Zuſammenleben vergaßen, ſich nach und nach in die iſraelitiſchen Gewohnheiten eingelebt. Immer mehr blaßten ihre mannigfach geſtalteten heidniſchen Sitten und Bräuche ab.

Der Einfluß Judäas auf die Reſte des Zehnſtämmereiches und auf die unter ihnen lebenden Samaritaner wurde deſto bedeutender, je mehr die Macht der Aſſyrer im Sinken begriffen war, deren Könige, in ihren Paläſten ſchwelgend, ſich nur wenig um die unterworfenen Provinzen kümmerten.