Ungerechtigkeit und Härte des Schicksals:»Hinweg mit der falsch verstandenen Schonung und dem schlaffen, verzärtelten Geschmack, der über das ernste Angesicht der Notwendigkeit einen Schleier wirft und, um sich bei den Sinnen in Gunst zu setzen, eine Harmonie zwischen dem Wohlsein und Wohlverhalten lügt, wovon sich in der wirklichen Welt keine Spuren zeigen!«
Wir dürfen uns also nicht wundern, wenn wir in Schillers Tragödien die Unschuld unterliegen und die Ungerechtigkeit triumphieren sehen: Max und Thekla gehen trotz ihrer Unschuld zu Grunde; die ungerechte, falsche Elisabeth triumphiert über ihre sittlich viel höher stehende Gegnerin Maria. Die Vergeltung, die Schiller in seinen Dramen darstellt, ist eine immanente, sie vollzieht sich im Innern der Menschen, im Gericht des Gewissens. Wie das Gute seinen Lohn, so trägt das Böse seine Strafe in sich selbst. Wer nur den Wünschen seines Herzens folgt, erlangt wohl mehr irdische Güter als der Gewissenhafte; er muß aber die Erfahrung machen, daß diese Güter betrüglich sind; zum wahren Glück gelangt er auf seinem Wege nicht. Oktavio, Elisabeth, Leicester und alle die anderen, die sich durch selbstsüchtige Zwecke bestimmen lassen, erlangen die erhoffte Befriedigung nicht, sie fühlen sich in dem Augenblick, wo sie an das Ziel ihrer Wünsche gekommen sind, schwer enttäuscht und müssen erkennen, daß sie einem Phantom nachgejagt haben.
Andererseits sehen wir, daß diejenigen, welche die sittliche Idee anerkennen, ob sie sich nun von Schuld bewahren, wie Max und Thekla, oder eine begangene Schuld sühnen, wie Johanna, Maria und Don Cesar, trotz Not und Tod Frieden und Freude empfinden. Die in Elend und Erniedrigung lebende Johanna kann zu ihrem Begleiter sagen:»Ich bin nicht so elend, als du glaubst.— Ich war die Unglücklichste, da ich der Welt am meisten zu beneiden schien. Jetzt bin ich geheilt, in mir ist Friede. Komme, was da will.«
So offenbart der Seelenzustand der Menschen in Schillers poetischer Welt, was in der wirklichen meist verborgen bleibt, nämlich daß unser wahres Glück in dem Seelenfrieden besteht, der auf einem guten Gewissen beruht, daß also Wohlverhalten und Wohlsein im Grunde doch mit einander verknüpft sind. Und wir ahnen die Existenz einer höheren sittlichen Macht, die dem Menschen das Gute als höchste Aufgabe und höchstes Glück vor Augen gestellt und die Welt so geordnet hat, daß er dieses Ziel erreichen kann. Zwar erscheint uns als sinnlichen Wesen der Weltlauf oft als grausame, tückische, ungerechte Schicksalsgewalt und flößt uns Furcht und Entsetzen ein; aber gerade weil er unseren natürlichen Wünschen so wenig entgegenkommt, so oft unsere Pläne vereitelt und unser sinnliches Glück zerstört, ist er unserer hohen moralischen Bestimmung angemessen; denn er gibt uns immer wieder Gelegenheit, die in uns schlummernden göttlichen Kräfte zu entfalten. Wir sind nicht dazu da, in Ruhe und Behaglichkeit ein sinnliches Glück zu genießen, sondern uns immer mehr freizumachen von dem Zwange der natürlichen Triebe,


