Aufsatz 
Schillers spätere Dramen im Lichte seiner ästhetisch-sittlichen Weltanschauung
Entstehung
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Tragödien und ihr Unterschied von dem modernen naturalistischen Drama, das sich auf die Darstellung des Leidens beschränkt und uns niederdrückt, ohne uns zugleich zu erheben.

Die erhabene Gesinnung kann sich entweder im Handeln oder im Dulden zeigen; demgemäß unterscheidet Schiller in der Abhandlung»Uber das Pathetische« das Erhabene der Handlung von dem der Fassung. Bei jenem ist das Leiden eine Tat des freien durch die sittliche Idee bestimmten Willens, bei diesem ein Verhängnis, das aber auf die Gesinnung des davon Betroffenen keinen Einfluß ausübt.

Beide Formen der Seelengröße treten uns in Schillers Tragödien entgegen. Das Erhabene der Handlung sehen wir bei Max und Thekla, die Leiden und Tod wählen, um sich selbst treu zu bleiben und der Pflicht zu genügen. Eine freie Willenshandlung und Ausdruck einer erhabenen Gesinnung ist auch Johannas Leiden. Sie schweigt gegenüber den schweren Anklagen ihres Vaters und stürzt sich dadurch selbst in Schande und Elend, um ihre Schuld zu sühnen. Don Cesar beweist seine Seelengröße und geistige Freiheit dadurch, daß er für seine blutige Tat sich selbst das Todesurteil spricht und es mit eigener Hand vollstreckt. Maria Stuart erscheint als erhabene Seele, weil sie freiwillig die Sünden ihrer Jugend büßt, indem sie das ihr zugefügte Unrecht mit Geduld und Ergebung trägt und auch den unverdienten Tod willig erleidet.

In der Schrift»Über das Erhabene« wird der Mensch definiert als das Wesen, welches will. Auch gegenüber solchen Gewalten, denen seine Leibes- und Verstandeskraft nicht gewachsen ist, kann er seine Willensfreiheit behaupten, indem er das, was er erleiden muß, zum Gegenstand seines Wollens und damit zu seiner freien Handlung macht. So kann der Mensch sogar den Tod wollen und den stärksten äußeren Zwang in die höchste Freiheit verwandeln. Diesen Triumph des Geistes über die mächtigste, furchtbarste Naturgewalt, der niemand entrinnen kann, verherrlicht Schiller in dem freiwilligen Tode seiner Helden. Die erhabene Fassung, ja Freudigkeit, mit der sie sterben, verklärt ihren tragischen Untergang, sodaß dieser als ein Sieg erscheint, als ein Sieg der Leiden und Tod überwindenden und überdauernden sittlichen Idee.

Die Macht dieser Idee zeigt sich aber nicht nur darin, daß man um ihretwillen Leiden und Tod freudig auf sich nimmt, sondern auch darin, daß sie über ihre Feinde, die sie nicht anerkennen wollen, triumphiert: Wallenstein z. B., der sie verletzt hat, fällt ihr zum Opfer. In dieser Verknüpfung von Schuld und Strafe, die wir auch sonst in Schillers Dramen wahrnehmen, offenbart sich die moralische Welt- ordnung, nach welcher der Mensch erntet, was er gesät hat. Dabei handelt es sich freilich nicht um eine äußerliche, berechenbare Vergeltung, sodaß Tugend und äußeres Glück einander immer genau entsprächen. Gerade in dem so oft hervortretenden Mißverhältnis zwischen sinnlichem Wohlbefinden und sittlichem Wohlverhalten sieht Schiller die Widersprüche des menschlichen Lebens und die