Aufsatz 
Schillers spätere Dramen im Lichte seiner ästhetisch-sittlichen Weltanschauung
Entstehung
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sehen, läßt den tragischen Ausgang als unvermeidlich erscheinen. Der Gang der Handlung ist nur eine natürliche Entwicklung dessen, was schon keimhaft vorhanden ist; die Katastrophe ist das notwendige Ergebnis dieser Entwicklung. Die Ereignisse und Handlungen, die das von Anfang an drohende Unheil abzuwenden scheinen, tragen gerade dazu bei, es zu beschleunigen. So werden wir durch die Furcht um das Schicksal des Helden beständig in Atem gehalten, wir ahnen die Katastrophe im voraus und sind doch überrascht und erschüttert, wenn sie nun über den ahnungslosen Helden hereinbricht. Eine unerbitterliche Notwendigkeit herrscht in der Verkettung der menschlichen Handlungen mit den äußeren Umständen und Vorgängen. So veranschaulicht der Dichter die furchtbare Macht des Schicksals, die eherne Notwendigkeit des natürlichen Geschehens, den engen kausalen Zusammenhang aller Dinge in der physischen Welt, in den auch der Mensch als physisches Wesen hineingestellt ist und den er in soiner Kleinheit nicht zu überschauen und zu durchbrechen vermag.

Diese Form der dramatischen Handlung, die sogenannte tragische Analysis, verrät den Einfluß der griechischen Tragiker, deren dramatische Technik Schiller bewunderte, weil er in ihr das beste Symbol der unerbitterlichen Notwendigkeit des natürlichen Geschehens, der Macht des»Schicksals« sah. Aber wie in seinen ästhetischen Schriften begegnet uns auch in seinen späteren Dramen eine moderne Auffassung vom Schicksal, die nichts Mystisches an sich hat. Seine Helden werden nicht durch eine geheimnisvolle äußere Gewalt, sondern durch ihren eigenen Charakter in ihrem Tun bestimmt und bereiten sich im Grunde selbst ihr Schicksal. Alles vollzieht sich natürlich und gesetzmäßig, ohne Eingreifen übernatürlicher Mächte. Aber gerade in der Gesetzmäßigkeit, mit der sich die Taten der Menschen, soweit sie physische Kräfte sind, mit dem natürlichen Geschehen verknüpfen und dadurch oft ungeahnte Folgen nach sich ziehen, offenbart sich die dem physischen Menschen überlegene und so oft verderbliche Gewalt der Natur, die Macht und Tücke des»Schicksals«.

Nur in der»Braut von Messina« hat Schiller, durch die Nachahmung des Sophokleischen»Odipus« verleitet, die Modernisierung der antiken Schicksalsidee nicht konsequent durchgeführt. Die Orakel und Träume, die in diesem Stücke eine Rolle spielen, erwecken den Anschein, als ob die Handlungen der Menschen nicht aus ihrem freien Willen hervorgingen, sondern von höheren Mächten beeinflußt würden.

Schiller läßt nun, der Theorie entsprechend, seine Helden im Leiden ihre erhabene Gesinnung, ihre geistige Freiheit beweisen; er zeigt an ihrem Verhalten, wie das Schicksal zwar das äußere Glück und die physische Existenz des Menschen zu vernichten, aber dessen freien Willen nicht zu brechen vermag; er verherrlicht den Triumph des Geistes über die furchtbare Naturgewalt Darauf beruht im letzten Grunde die zugleich erschütternde und erhebende Wirkung der Schillerschen