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offenbart. Wir müssen tiefes, echtes Leiden sehen, wenn wir mitleiden und erschüttert werden sollen; die bloß zärtliche, weichliche Rührung läßt das Gefühl des Erhabenen nicht aufkommen. Aber die Darstellung des Leidens darf auch nicht so weit gehen, daß das künstliche Unglück des Mitleids uns wie das wirkliche die Gemütsfreiheit raubt. Das Leiden ist in dem Falle nicht tragisch, wenn es nur unseren Sinn quält, ohne zugleich unseren Geist zu erheben, und wir fühlen uns nur dann erhoben, wenn uns neben der leidenden Natur auch»des Geistes tapf're Gegenwehr« vor Augen geführt wird.
Das tragische Mitleid, auf dem das Gefühl des Erhabenen beruht, wird am reinsten und stärksten erregt, wenn das Unglück des Helden nicht als die Folge eigener Schwäche oder fremder Bosheit, sondern als ein Verhängnis, d. h. als ein Werk des Schicksals erscheint. Hierunter versteht Schiller, wie besonders seine Schrift»Über das Erhabene« zeigt, nicht wie die alten Griechen eine persönliche, übersinnliche Macht, die das Handeln und Geschick der Menschen geheimnisvoll bestimmt, sondern die alles Physische beherrschende Gewalt der Natur,»die auf ihrem eigenwilligen, freien Gang die Schöpfungen der Weisheit und des Zufalls mit gleicher Achtlosigkeit in den Staub tritt, das Wichtige wie das Geringe in einen Untergang mit sich fortreißt.« Dieser fühllosen und scheinbar blind waltenden Natur, von der unser sinnliches Wohlbefinden und unsere physische Existenz abhängen, stehen wir als sinnliche Wesen ohnmächtig gegenüber; aber gerade im Kampf mit dieser furchtbaren Macht können wir unsere geistige Freiheit und Selbständigkeit beweisen, die den verborgenen Kern unseres Wesens bildet.
Den Kampf der Menschheit mit dem Schicksal,»die unaufhaltsame Flucht des Glücks, die betrogene Sicherheit, die triumphierende Ungerechtigkeit und die unter- liegende Unschuld« führt uns die Weltgeschichte vor Augen; daher ist sie ein besonders erhabenes Objekt und bietet dem tragischen Dichter die geeignetsten Stoffe.
Schillers Theorie der Tragödie hängt, wie sich gezeigt hat, aufs engste mit dem Zentrum seiner Ethik zusammen, und von dieser Theorie fällt nun auf seine späteren Dramen ein helles Licht. Wir begreifen, was den Dichter wieder zur Tragödie zog: Sie entsprach seiner tief sittlichen, heroischen Natur, diese»ehrwürdige Kunst, die zu dem göttlichen Teil unseres Wesens spricht,« war das vollkommenste Ausdrucksmittel für seine erhabene, in der eigenen Erfahrung wurzelnde Welt- anschauung. Wir begreifen weiter, warum er ausschließlich historische Stoffe für seine Dramen verwandte, warum er das Leben der Großen und Mächtigen darstellte, von denen die Geschichte berichtet: So konnte er die furchtbare Gewalt des Schicksals am eindrucksvollsten vor Augen führen; denn je höher ein Mensch steht, um so erschütternder wirkt sein Fall.
Aus Schillers Theorie der Tragödie wird auch der Bau seiner späteren Trauerspiele verständlich. Die Lage, in der wir den Helden am Anfang des Stückes


