Aufsatz 
Schillers spätere Dramen im Lichte seiner ästhetisch-sittlichen Weltanschauung
Entstehung
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in dem Streben nach absoluter Freiheit sich auch von der moralischen Verpflichtung losspricht und völlig gesetzlos wird.

Diese Charaktertypen begegnen uns nun auch in Schillers späteren Dramen, und zwar in besonders scharfer Kontrastierung und mannigfaltiger Abstufung im »Wallenstein«. Der Held dieses Stückes ist ein Realist; er charakterisiert sich selbst, indem er sich mit dem ſdealisten Max auseinandersetzt: Ihm erscheint der Idealismus, der die Dinge nicht nach ihrem inneren Wesen, sondern nach allgemeinen ideellen Grundsätzen beurteilt, als eine jugendliche Schwärmerei:

»Schnell fertig ist die Jugend mit dem Wort. Aus ihrem heissen Kopfe nimmt sie keck Der Dinge Mafß, die nur sich selber richten. Gleich heißt ihr alles schändlich oder würdig, Bös oder gut.

Ja, wer durchs Leben gehet ohne Wunsch, Sich jeden Zweck versagen kann, der wohnt Im leichten Feuer mit dem Salamander

Und hält sich rein im reinen Element.

Mich schuf aus gröberm Stoffe die Natur, Und zu der Erde zieht mich die Begierde.«

Wallenstein ist der Vertreter eines edleren Realismus, er überragt an Größe und Würde die Realisten in seiner Umgebung, unter denen besonders Isolani als ein gemeiner Empiriker erscheint.

Alle diese Realisten werden durch äußere Zwecke bestimmt, seien diese nun höherer Art wie Macht, Ehre, Ruhm oder so niederer Natur wie der bloße Sinnen- genuß. Zwei Gestalten jedoch vertreten eine ganz andere Geistesrichtung, nämlich Max und Thekla. Diese Idealisten sind die einzigen Personen im Drama, die keinen selbstsüchtigen Zweck verfolgen, sondern sich durch die Idee des Guten leiten lassen, ohne zu fragen, ob dies für sie vorteilhaft ist.

Den Idealismus verkörpert der Dichter auch in der Figur der Jungfrau von Orleans. Diese wird zunächst völlig durch den Glauben an ihre göttliche Sendung und das Bewußtsein ihrer heiligen Pflicht beherrscht, und dieser Idealismus befähigt sie zu den höchsten Leistungen und wappnet sie gegen alle Versuchungen, die ihr aus der sie umgebenden Welt entgegentreten. Ihr Verhalten am Königshofe zeigt aber, daß»der Idealist nichts vermag, als insofern er begeistert ist«. Sie hat ihre Aufgabe zum größten Teile erfüllt, es ist Waffenstille eingetreten, sie lernt die Ruhe eines müßigen Hofes kennen, wo das Irdische mit seinem verführerischen Glanze auf sie eindringt; und in dieser Ruhe fühlt sie sich nicht mehr so sicher und stark wie sonst, die Begeisterung, ihr Lebenselement, fehlt ihr; darum sehnt sie sich nach Kampf:

»Befiehl, daß man die Kriegsdrommete blase! Mich preßt und ängstigt diese Waffenstille, Es jagt mich auf aus dieser müß'gen Ruh.«