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seines großen Freundes eindrang, umsomehr wurde er sich seines eigenen poetischen Charakters, seiner Schwäche, aber auch seiner Stärke bewußt. Sich selbst und Goethe betrachtete er nun als typische Vertreter zweier entgegengesetzter, aber gleichberechtigter Dichtungsarten. Diese finden wir in der Schrift»Über naive und sentimentalische Dichtung« eingehend charakterisiert.
Schiller unterscheidet hier den naiven von dem sentimentalischen Dichter. »Jener ist Natur, dieser sucht die Natur.« Jener besitzt von Natur die innere Harmonie, er ist einig mit sich selbst wie alle Naturwesen; dieser sucht den durch das Kulturleben hervorgerufenen inneren Zwiespalt zwischen Sinnlichkeit und Vernunft in einer höheren Einheit aufzuheben. Auf diesem Unterschied in der Naturanlage der Dichter beruht der Gegensatz zweier Dichtungsarten. Der naive Dichter stellt die konkrete Wirklichkeit dar, ohne über sie zu reflektieren. Er ist völlig eins mit seinem Werke und tritt mit seinem Ich ganz in den Hintergrund. Weil er selbst Natur ist, gleicht auch seine Schöpfung einem Naturprodukt in ihrer plastischen Anschaulichkeit und sinnlichen Wahrheit.
Der sentimentalische Dichter stellt die ihn umgebende Welt nicht dar, wie sie wirklich ist, sondern wie sie sein soll; er beurteilt sie vom Standpunkt seines Ideals. Sein Werk ist subjektiv, d. h. ein Ausdruck seiner persönlichen Stimmung, seiner Abneigung gegen die Wirklichkeit oder seiner Begeisterung für das Ideal. Jenachdem dieses oder jenes Gefühl mehr hervortritt, ist seine Dichtung entweder elegisch oder satirisch.
Die naive Poesie hat den Vorzug der Naturwahrheit und Anschaulichkeit, aber sie»läuft Gefahr, bei den zufälligen Schranken der Wirklichkeit stehen zu bleiben und in Plattheit zu versinken«. Die sentimentalische Dichtungsart, die dem modernen in sich zwiespältigen Menschen verständlicher als die naive ist, zeichnet sich vor dieser durch Ideenreichtum aus; aber bei dem Streben, das Ideal vollendeten Menschentums darzustellen, kommt sie in die Versuchung,»über alle Schranken des Menschlichen hinauszugehen, zu schwärmen, statt zu idealisieren, und alle Anschaulichkeit zu verlieren«. Diese gehört aber zum Wesen der Poesie; denn jede Kunst wendet sich an den ganzen Menschen und sucht nicht den Geist zu beschäftigen, ohne zugleich»den Sinn durch die ruhige Gegenwart eines anschaulichen Objekts zu erquicken.«
Schillers Ansicht über die Poesie steht in organischem Zusammenhange mit seinen ästhetisch-sittlichen Grundanschauungen. Sie zeigt, daß der Dichter auch über sich selbst zur Klarheit gekommen ist. Er ist sich deutlich der Gefahren bewußt, die mit seiner sentimentalischen, d. h. subjektiven Natur verbunden sind. Früher hat er der Versuchung, in seiner Dichtung zu schwärmen und statt anschaulicher Objekte subjektive Reflexionen darzubieten, nicht immer widerstanden. Diesen Fehler sucht er in seinen späteren Dramen zu vermeiden, und es ist bewundernswert, wie sehr ihm dies gelungen ist und wie nahe er in jenen Werken, besonders aber im»Wallenstein« und im»Tell«, der naiven Dichtungsart kommt.


