Aufsatz 
Schillers spätere Dramen im Lichte seiner ästhetisch-sittlichen Weltanschauung
Entstehung
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deren Kenntnis nicht völlig zu verstehen. Diese Philosophie spiegelt sich nun auch, wie sich zeigen wird, in den späteren Dramen des Dichters. Diese haben soviel Gemeinsames in Form und Inhalt, daß man sie als eine Einheit betrachten kann. Ihr Unterschied von den Jugenddramen springt sofort in die Augen. Der Dichter des»Wallenstein« ist zu einem neuen dramatischen Stil übergegangen, und dieser zeigt nun deutlich den Einfluß der ästhetischen Anschauungen, die oben dargestellt worden sind.

Aus Schillers Ansicht, die Kunst solle uns befreien und erheben, folgt, daß ihr höchstes oder gar einziges Ziel nicht die Naturwahrheit, die sklavische Nachahmung der gemeinen, zufälligen Wirklichkeit, sein darf. Sie muß die Wahrheit in das Gewand der Schönheit kleiden, die allein unser Gemüt befreien kann. Das Hauptelement der Schönheit ist aber die Form.»Es ist das eigentliche Kunstgeheimnis des Meisters, den Stoff durch die Form zu überwinden«, d. h. ihn so zu gestalten, daß alles zurücktritt, was unser praktisches Interesse, sei es niederer oder höherer Art, in Anspruch nimmt und eine freie, wunschlose Betrachtung unmöglich macht. Der Künstler muß seinen Gegenstand idealisieren, d. h. ihn von allem befreien, was uns an die gemeine Alltagswelt erinnert und unser Gemüt herabzieht, er muß ihn in eine höhere Sphäre erheben, in die Welt»des reinen Scheines«, die ihre eigenen Gesetze hat und »weder die wirkliche sein noch wirklich werden will.«

Von diesen aus dem Begriffe der Schönheit und der Kunst abgeleiteten ästhetischen Grundsätzen hat sich Schiller bei seiner späteren poetischen Produktion leiten lassen und den Naturalismus, dem er in seiner Sturm- und Drangperiode huldigte, endgültig aufgegeben. Sein neuer Idealstil, der Ausdruck seiner geläuterten Kunstanschauung, offenbart sich zunächst in der Sprache. Während er in seinen ersten drei Jugenddramen in dem Streben nach Naturwahrheit die Redeweise des gewöhnlichen Lebens nachgeahmt und sich auch vor dem Gebrauch gemeiner Ausdrücke nicht gescheut hatte, wendet er später auch im Drama nur noch die Sprache an, die der Poesie seit ihren Anfängen eigen ist, die Sprache der Welt »des reinen Scheines«, die mit der wirklichen nicht zusammenfällt. Er vermeidet nunmehr alles Gemeine und Niedrige, auch die Verbindung des Komischen mit dem Tragischen, die uns in seinen Jugendwerken begegnet. Er stellt in seinen Meister- dramen nur große, würdige Gegenstände in edlen, schönen Formen dar.

Wie die metrisch gebundene, mit edlen Bildern geschmückte Sprache, welche nicht die des gewöhnlichen Lebens ist, so erfüllen auch die in den dramatischen Dialog eingeflochtenen Sittensprüche und der Chor in»der Braut von Messina« die Aufgabe zu idealisieren, d. h.»die gemeine Welt in die poetische zu verwandeln«. Sie bringen die Ruhe in die bewegte Handlung und verhindern, daß das Gemüt des Zuschauers unter dem Eindruck der dargestellten Affekte seine Freiheit verliert.

Der neue Stil in Schillers Meisterdramen ist aber noch durch ein anderes Merkmal gekennzeichnet, und dies ist das wichtigste: Die Stellung des Dichters zu seinen poetischen Gegenständen hat sich völlig geändert. Es gelingt ihm, diese