—-— 20—
flüchten und, ergriffen von der ewigen Untreue alles Sinnlichen, nach dem Beharrlichen in unserem Busen zu greifen«.
Mit dieser ethischen Weltanschauung, die einen hohen Idealismus mit nüchterner Beurteilung der Wirklichkeit verbindet, hängt nun Schillers Kunstphilosophie aufs engste zusammen. Das Schöne, der Gegenstand der Kunst, ist ihm ein Sinnbild des Guten, der vollkommenen sittlichen Freiheit, die in der Harmonie von Sinnlichkeit und Vernunft besteht.»Schönheit ist Freiheit in der Erscheinung«, d. h. Offenbarung der an sich unsichtbaren Freiheit in der Sinnenwelt, in der Anschauung. Ein Gegenstand ist also schön, wenn er nicht von außen, sondern von innen, d. h. durch seine eigene Natur bestimmt zu sein scheint. Wie in der»schönen Seele« Sinnlichkeit und Vernunft, Neigung und Pflicht, so sind in dem schönen Gegenstand Stoff und Form, Leben und Gestalt zu einer Einheit verbunden. Ein einseitiges Hervortreten der Form oder des Stoffes vernichtet den Schein der Freiheit, auf dem die Schönheit beruht.
Dem Wesen des Schönen entspricht dessen Wirkung: Es nimmt, weil Stoff und Form in ihm harmonisch vereinigt sind, unsere gesamten Seelenkräfte, die Sinne, den Verstand und die Vernunft, gleichmäßig in Anspruch und erlöst uns so aus der Anspannung, die mit dem einseitigen Gebrauch einer dieser Seelenkräfte verbunden ist. Es stellt unser seelisches Gleichgewicht wieder her und befreit unser Gemüt von jedem Drucke und Zwange. Im ästhetischen Gefühl schweigt das Bedürfnis der Sinnlichkeit und das strenge Gesetz der Vernunft; in der freien, begierdelosen Betrachtung, in dem»interesselosen Wohlgefallen an der reinen Form oder dem reinen Schein« fühlen wir uns hinausgehoben über die Alltagswelt, in der die stofflichen, realen Interessen uns beherrschen und niederdrücken.
»Es widerspricht dem Begriffe der Schönheit, dem Gemüte eine bestimmte Tendenz zu geben⸗», d. h. es anzuspannen und ihm die Freiheit und Harmonie zu rauben. Daher darf die Kunst keine bestimmten Zwecke verfolgen; sie steht weder im Dienste der Wissenschaft noch der Moral, sie will weder belehren noch bessern. Nur mittelbar wirkt sie auf die Sittlichkeit, indem sie unser natürliches Gefühl veredelt und uns dazu erzieht,»edler zu begehren, damit wir nicht nötig haben, erhaben zu wollen.«
Die hohe Aufgabe der Kunst, durch Darstellung des Schönen das Gemüt des Betrachters harmonisch zu stimmen und zu erheben, stellt an die sittliche Persönlichkeit des Künstlers die höchsten Anforderungen. Er muß selbst die innere Harmonie besitzen, die seine Schöpfung in anderen hervorrufen soll; er muß selbst innerlich frei sein, wenn er andere befreien soll. Er muß dazu fähig sein, die Wirklichkeit mit Ruhe und Unbefangenheit zu betrachten und sie objektiv darzustellen.
Aus der Begeisterung für die im Vorstehenden dargestellten sittlichen und künstlerischen Ideale ist Schillers Gedankenlyrik geboren. Sie ist der unmittelbare Ausdruck seiner befreienden, erhebenden Kunst- und Lebensphilosophie und ohne


