— 19—
völlig zu unterdrücken, sondern vielmehr darin, sie soweit zu veredeln, daß sie der Vernunft entgegenkommt und zuletzt mit ihr übereinstimmt. Wo die Tugend keinen Kampf mehr kostet, wo also kein Zwang mehr herrscht, da ist wahre innere Freiheit, da zeigt das moralische Handeln nicht nur Würde, sondern auch Anmut und Schönheit.
Freilich ist diese Uebereinstimmung zwischen Neigung und Pflicht nur ein Ideal, dem der Mensch sich nähern soll, das er aber nie wirklich erreicht. Auch der edelste Mensch erlebt Augenblicke, wo ihm die Erfüllung der Pflicht, die Wahl zwischen»Sinnenglück und Seelenfrieden« schwer wird. Erst im Leiden kann sich aber die Lauterkeit und Erhabenheit der Tugend offenbaren. Wer niemals vor die Notwendigkeit gestellt wird, das sinnliche Glück preiszugeben, um gut zu handeln, der kann sich der Hoheit seiner moralischen Bestimmung und der Kraft und Freiheit seines Geistes nicht voll bewußt werden. Im Unglück muß sich nun die»schöne« Seele in eine»erhabene« verwandeln.
Der Glaube an die hohe Bestimmung des Menschen, das Bewußtsein des unverlierbaren, unvergleichlichen Wertes der sittlichen Persönlichkeit ist die Grund- lage von Schillers Idealismus. Hierauf beruht seine Stellung zur Welt und zum Leben. Den finsteren Pessimismus, der in seinen ersten Jugenddramen zum Ausdruck kam, hat der Jünger Kants, der die Welt und den Menschen begriffen hat, aufgegeben. Er klagt nicht mehr mit Rousseau über die Ubel der Kultur und den Verlust des Glückes eines erträumten Naturzustandes, er hat sich mit dem Leben ausgesöhnt. Er hat erkannt, daß die Sehnsucht nach Glückseligkeit der Würde und Bestimmung des Menschen nicht entspricht.»Nur der sinnliche Mensch sehnt sich nach der Glückseligkeit der Natur, der moralische nach ihrer Vollkommenheit. Den Übeln der Kultur muß man sich mit freier Resignation unterwerfen; denn sie sind die Naturbedingungen des einzig Guten«. Vernunftgemäß, d. h. moralisch zu handeln ist des Menschen erste Bestimmung, und diese kann er nur im Kampfe mit einem widrigen Geschick erfüllen. Nicht draußen, sondern in sich selbst, in dem Bewußtsein und der Betätigung seiner geistigen Freiheit, in der Ausbildung und Behauptung seiner sittlichen Persönlichkeit findet er das wahre Glück, d. h. innere Ruhe und Befriedigung.
Wie den finsteren Pessimismus, so hat der reife Schiller auch den schwärmerischen Optimismus überwunden, der ihn eine Zeit lang beherrschte und im»Don Karlos« zum Ausdruck kam. Er betrachtet das Leben mit nüchternem Blick, er weiß, daß es voller Rätsel, Widersprüche und Kämpfe ist. Ideal und Leben sind ewige Gegensätze. Tugend und äusseres Glück entsprechen einander selten. Unser sinnliches Wohlbefinden hängt vom Schicksal, dem gesetzmäßigen, streng notwendigen Weltlauf ab, den wir nicht nach unseren Wünschen bestimmen können und der auf unsere moralische Beschaffenheit keine Rücksicht nimmt.»Wohl dem, der gelernt hat, zu ertragen, was er nicht ändern kann, und preiszugeben mit Würde, was er nicht retten kann.— Es können Fälle eintreten, wo das Schicksal alle Außenwerke ersteigt und uns nichts übrig bleibt als in die heilige Freiheit der Geister zu


