Aufsatz 
Schillers spätere Dramen im Lichte seiner ästhetisch-sittlichen Weltanschauung
Entstehung
Einzelbild herunterladen

18

Asthetische im engsten Zusammenhang mit dem Ethischen, seine Kunstphilosophie ruht auf dem Grunde seiner durch Kant beeinflußten Lebensanschauung. Daher ist zunächst diese in ihren Grundzügen darzustellen.

Im Mittelpunkt der Schillerschen Philosophie steht der Kantische Gegensatz von Natur und Geist, von Sinnlichkeit und Vernunft. In der Welt des Physischen oder der»Erscheinungen, die den Gegenstand unserer sinnlichen Wahrnehmung und verstandesmäßigen Erkenntnis bildet, sind alle Vorgänge kausal bestimmt. Hier gibt es keine Freiheit und Willkür, hier herrscht strenge Notwendigkeit. Zu diesem Reiche der Natur gehört auch der Mensch mit seinem sinnlichen Empfindungs- und Triebleben. Aber die Vernunft, der göttliche Teil seines Wesens, macht ihn zum Bürger eines höheren, unsichtbaren Reiches, in dem das die Erscheinungswelt beherrschende Kausalgesetz nicht gilt. Der Mensch ist frei, d. h. unabhängig von der Naturnotwendigkeit;»er ist das Wesen, welches will«. Sein freier Wille erhebt ihn über die Natur. Er kann sich losmachen von dem Zwange der natürlichen Triebe, die das Tier völlig beherrschen; er vermag sich selbst zu bestimmen und im Widerstreit mit seinen Neigungen einem Gesetze zu folgen, das er sich selbst gibt.

Diese Freiheit ist nicht Gegenstand der wissenschaftlichen Erkenntnis, sondern des Glaubens, sie bildet aber die notwendige Voraussetzung des sittlichen Handelns; denn nur, wenn der Mensch vom Naturzwang unabhängig ist, vermag er dem von seiner Vernunft aufgestellten Sittengesetz zu folgen. Die Willensfreiheit, auf der seine moralische Bestimmung und seine Würde beruht, ist jedoch nur eine Anlage, die der Ausbildung bedarf. In jedem Menschen macht die sinnliche Natur, die nur auf das Angenehme, nicht auf das Gute gerichtet ist, ihre Rechte geltend und sucht die Herrschaft über den Willen zu erlangen. Darum erfordert vernunftgemäßes, sittliches Handeln einen Kampf gegen die natürlichen Leidenschaften und Neigungen. Je öfter die Vernunft in diesem Kampfe siegt, umsomehr erstarkt sie, bis sie zuletzt die Herrschaft über die Sinnlichkeit gewinnt.

Die Kantische Idee der sittlichen Freiheit bildet das Zentrum der ethischen Anschauungen Schillers. Sie war ihm deshalb so wertvoll, weil sie seiner persönlichen Erfahrung entsprach. Er hatte ja dem widrigen Geschicke, das ihn verfolgte, kühn die Stirne geboten, er hatte unter dem Drucke des Lebens seine Ideale nicht verloren, er hatte sich nicht durch die äußeren Verhältnisse bestimmen lassen, sondern war Herr seiner selbst geblieben. Was Wunder, wenn er die Grundgedanken der Kantischen Ethik:»Bestimme dich aus dir selbst! Du kannst, denn Du sollst« mit freudiger Zustimmung aufnahm.

Aber bei aller Verehrung für den Königsberger Weisen und bei aller Bewunderung für dessen hohe Auffassung von der Pflicht fühlte er sich, zumal als Künstler, durch den moralischen Rigorismus des Meisters, der Pflicht und Neigung in schroffen Gegen- satz stellte, nicht befriedigt und stellte daher einsittliches Ideal auf, das der Würde und der Natur des Menschen mehr zu entsprechen schien: Weil dieser ein sinnlich-vernünftiges Wesen ist, so kann seine letzte Aufgabe nicht darin bestehen, seine Sinnlichkeit