nach Gebühr aus dem gemeinſamen Vermögen alles erhalten, was er zu ſeinem Lebensunterhalte und zur Ausführung des ihm angewieſenen Geſchäftes nöthig hat.
Aber wer hat bei ihnen all dies zu beſtimmen? Der Einzelne? Nein! Ihm wird alles be⸗ ſtimmt von der Geſammtheit, oder vielmehr von den Ordnern, den Leitern der Gemeinſchaft. Der Einzelne darf nicht denken, außer in dem Gebiete, das ihm angewieſen iſt; alles weitere Streben hört für ihn auf. Es iſt das der Zuſtand der höchſten Unfreiheit.
Ganz anders das Chriſtenthum. Hier ſoll jeder Einzelne mit dem ihm anvertrauten Pfunde nach beſten Kräften wuchern, oder es verwerthen, zu ſeinem und der Andern Nutzen. Wenn Chriſtus (Matth. 6, 33) ſagt:„Trachtet am erſten nach dem Reiche Gottes und nach ſeiner Gerechtigkeit“, ſo iſt damit nicht geſagt, daß man beſtändig etwa Gebete ſprechen oder Andachtsübungen verrichten und dabei ſo zu ſagen die Hände in den Schoß legen ſolle. Gegen Leute, die den Worten Jeſu vielleicht dieſe Auslegung gaben und darum nichts arbeiteten, ſpricht Paulus 2 Theſſ. 3, 12, und er ermahnt ſie,„daß ſie mit ſtillem Weſen arbeiten und ihr eigen Brot eſſen.“ Zu dem Trachten nach dem Reiche Gottes gehört vielmehr, daß man im ganz gewöhnlichen, alltäglichen Leben, in allen Verhältniſſen, auch in denen, in welchen man zu andern Menſchen ſteht, auch bei der Arbeit, auch bei dem Erwerb ſorge, alles nach dem Willen Gottes zu thun.
Dieſes Trachten, dieſes Streben, ſein Pfund ſo gut als möglich zu verwerthen, dieſe höchſte Entfaltung der Individualität, kann aber nicht ſtatthaben, wenn man in kommuniſtiſcher Gemein⸗ ſchaft, unter kommuniſtiſchem Zwange lebt; es kann nur bei einem ſolchen Menſchen ſtattfinden, der — natürlich innerhalb der von der ſtaatlichen und geſellſchaftlichen Gemeinſchaft, welcher er angehört, gezogenen Grenzen— frei iſt. Das Chriſtenthum will höchſte Freiheit; der Kommunismus iſt ärgſte Sklaverei. Mit dem Chriſtenthum verträgt ſich der Kommunismus niemals.
Es wird uns nun aber von jener Seite vorgehalten, Jeſus ſelbſt und ſeine Jünger hätten unter ſich kommuniſtiſche Einrichtung gehabt. Renan ſagt:„Die Gütergemeinſchaft war eine Zeitlang Regel in der neuen Geſellſchaft. Die erſte Bedingung, um ein Jünger Jeſu zu ſein, beſtand darin, ſeine Habe zu verkaufen und den Ertrag den Armen zu geben.“— Dies iſt ein Irrthum; wir haben ihn oben ſchon zurückgewieſen. Petrus beſaß, wie wir aus Matth. 8, 14 ſehen, ein Haus in Kapernaum. Wenn Jeſus vom Kreuze aus(Joh. 19, 26. 27) dem Johannes ſeine Mutter an⸗ empfiehlt, und wenn Johannes ſie„von der Stunde an zu ſich nahm“: ſo muß dieſer doch wohl ein Eigenthum gehabt haben. Die„gemeinſame Reiſekaſſe“ Jeſu und ſeiner Jünger, die auch wohl als Stütze jener Behauptung angeführt wird, beweiſt gar nichts.
Wir ſind nun alſo zu folgendem Ergebniſſe gekommen: Daß Jeſus mit ſeinen Jüngern in einer kommuniſtiſchen Gemeinſchaft gelebt habe, iſt durch nichts erwieſen; der Verkauf der Habe und die Vertheilung des Erlöſes an die Armen war keine Bedingung für die, welche ſeine Jünger werden wollten; aus ſeinen Worten geht nicht hervor, daß zum Eingehen in das Reich Gottes das Aufgeben des irdiſchen Vermögens nothwendig ſei; die Apoſtel haben ſeine Lehre auch nicht in dieſem Sinne aufgefaßt; weder in der erſten Gemeinde zu Jeruſalem noch in den andern chriſtlichen Gemeinden beſtand Gütergemeinſchaft; es irren alſo diejenigen, welche glauben den Kommunismus auf das Chriſtenthum gründen zu können.
Wenn dies nun ſo iſt, ſo fragen wir: Wie kommt es denn doch, daß dieſer Irrthum ſo lange und ſo weit verbreitet war und daß er immer noch nicht ganz geſchwunden iſt? Die Antwort liegt nahe:


