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Dieſe Stelle nun iſt es, die uns als Beweis deſſen, daß bei der Chriſtengemeinde zu Jeru⸗ ſalem Gütergemeinſchaft geherſcht habe, entgegengehalten wird. Zur Bekräftigung wird uns noch Ap. Geſch. 4, 32. 34. 35 beigefügt. Es ſteht da geſchrieben:„Die Menge aber der Gläubigen war ein Herz und eine Seele; auch keiner ſagte von ſeinen Gütern, daß ſie ſein wären, ſondern es war ihnen alles gemein. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wie viele ihrer waren, die da Acker oder Häuſer hatten, verkauften ſie dieſelben, und brachten das Geld des ver⸗ kauften Guts, und legten es zu der Apoſtel Füßen, und man gab einem jeglichen, was ihm noth war.“
Auf dieſe beiden Stellen offenbar gründeten Rapp, und Münzer, und alle die andern, die im Laufe der Jahrhunderte einen chriſtlichen Kommunismus einführen wollten, ihre Anſicht, daß bei der erſten— alſo, wie ſie wohl dachten, den chriſtlichen Sinn am reinſten ausſprechenden und bethäti⸗ genden— Chriſtengemeinde Gütergemeinſchaft geherſcht habe.
Und iſt es denn nach jenen Stellen nicht auch ganz klar, daß es ſo geweſen iſt? Müſſen wir jenen alſo nicht recht geben?
In der That faßt es auch noch der Bibelerklärer Dinter ſo auf. Er ſagt zu Ap. Geſch. 2, 45, namentlich zu dem Worte„verkauften“:„Die üblen Folgen davon zeigten ſich jedoch bald. Sie glaubten die Zerſtörung Jeruſalems näher als ſie war; und am Ende kamen ſie bei einer ent⸗ ſtandenen Theuerung in nicht geringe Verlegenheit, aus der ſie Paulus durch Sammlung einer Collecte rettete.“ Er knüpft daran die Mahnung:„Möge der Geiſt ihrer Liebe in uns wohnen, doch ſo, daß wir, um länger und thätiger unſere Liebe beweiſen zu können, das Unſere ſorgſam bewirthſchaften.“
Dinter ſcheint alſo zu glauben, die erſten Chriſten in Jeruſalem hätten wirklich alle ihre (liegenden) Güter und ihre(ſonſtige) Habe verkauft; ſie hätten dadurch anfangs eine große Summe Geldes zuſammengebracht, aber ſomit auch die OQuellen ihres Erwerbs verſtopft, und der Mittel ihrer ferneren geſchäftlichen, zum nachhaltigen Lebensunterhalt nöthigen Thätigkeit ſich beraubt. Das wäre allerdings höchſt unklug geweſen. Man könnte ſich nicht vorſtellen, was denn da die Glieder der Gemeinde die ganzen Tage und Wochen und Monate hindurch gethan, womit ſie ſich beſchäftigt hätten. Die Rapp'ſche Gemeinde arbeitete doch, baute Häuſer, trieb Ackerbau und Gewerbe, ernährte ſich davon. Aber wie wäre es in dieſer Hinſicht, wenn wir jene Ausdrücke der Apoſtelgeſchichte ganz buchſtäblich faſſen wollten, mit der erſten Chriſtengemeinde zu Jeruſalem geweſen?
Dieſelbe Anſicht wie aus Dinter könnte man aus Zahn's„bibliſchen Hiſtorien nach dem Kirchenjahre geordnet“ gewinnen. Zahn hat den Grundſatz, nur mit den bibliſchen Worten zu er⸗ zählen. Das iſt nun im allgemeinen recht gut. Hie und da wäre aber doch, wie bei dem Leſen der Bibel ſelbſt, eine Erläuterung nöthig. Gar manchmal hätte Zahn wohlgethan, Winke zum richtigen Verſtändniſſe zu geben; ſo auch hier. Er führt(Ausgabe B 66, 68) die Stellen Ap. Geſch. 2, 45 und 4, 32. 34. 35 wörtlich an, und begnügt ſich damit. Da kann es denn gar leicht kommen, daß die Kinder gelehrt werden, es ſei buchſtäblich ſo geſchehen, wie es da geſchrieben ſteht.
Und dieſe Anſicht wäre falſch. Denn jene Ausdrücke Ap. Geſch. 2, 45(„Ihre Güter und Habe verkauften ſie“) und 4, 34(„Wie viele ihrer waren, die da Acker oder Häuſer hatten, verkauften ſie dieſelben“) ſind nicht buchſtäblich zu faſſen; der Verkauf der Güter war keine feſte, bindende Ein⸗ richtung; wo es geſchah, wurde es freiwillig gethan; Gütergemeinſchaft beſtand nicht.


