Aufsatz 
Waren die ersten Christen Kommunisten?
Entstehung
Einzelbild herunterladen

7

das Jahr 100 Statthalter von Bithynien, ſchreibt in einem Briefe an den Kaiſer Trajan(Ep. 10, 97) über die bedenkliche Ausbreitung der Sekte der Chriſten; er berichtet, was er von verhafteten Chriſten erfahren habe. Sie hätten ſich nämlich bei ihren Gottesdienſten durch einen Eid verpflichtet, nicht etwa zu einem Verbrechen, ſondern keinen Diebſtahl, keinen Raub, keinen Ehebruch zu begehen, nicht die Treue zu brechen, anvertrautes Gut vor Gericht nicht abzuleugnen. Alſo auch hier war Sonder⸗ eigenthum. Dasſelbe erfahren wir aus der in der erſten Hälfte des zweiten Jahrhunderts an den Kaiſer Antoninus Pius gerichteten Apologie des Juſtinus Martyr. Er ſchildert(vgl. Uhlhorn, der Kampf des Chriſtenthums mit dem Heidenthum, S. 125) den chriſtlichen Gottesdienſt und ſagt dabei:Die Wohlhabenden aber und die willig dazu ſind geben, ein jeglicher nach ſeinem Gefallen und die geſammelten Gaben werden vor dem Vorſteher niedergelegt, welcher damit den Witwen und Waiſen zu Hülfe kommt.

Wir haben nun, glaube ich, Beiſpiele genug, aus welchen der Ungrund der Anſicht, daß in allen chriſtlichen Gemeinden der erſten Zeit eine kommuniſtiſche Einrichtung ſtattgefunden habe, deutlich hervorgeht.

Wie nun, wenn man dies Rapp oder einem ſeiner Geſinnungsgenoſſen vorgehalten, und wenn man ihn gefragt hätte, worauf er denn ſeine Meinung, daß die erſten Chriſten Gütergemeinſchaft gehabt hätten, gründe: was würde er wohl geantwortet haben?

Er hätte ohne Zweifel auf die allererſte Chriſtengemeinde, die zu Jeruſalem, hingewieſen.

Man hätte ihm erwidern können, wenn auch was man übrigens noch nicht ohne weitere Prüfung zugeſtehe in jener Gemeinde Gütergemeinſchaft geweſen ſei, ſo ſei dies offenbar nur eine menſchliche, wahrſcheinlich nicht lange dauernde Einrichtung geweſen, und nicht eine mit Nothwendigkeit aus ihrem Glauben, aus ihrer Überzeugung hervorgegangene, nicht eine ſolche, die aus dem chriſt⸗ lichen Sinne folgerecht entſpringe; denn wäre dies der Fall geweſen, ſo hätten auch alle jene andern Gemeinden, hätten ſie wahre, rechte Chriſten ſein wollen, dieſelbe Einrichtung bei ſich treffen müſſen.

Vielleicht werden wir die Einwendung hören, die andern Gemeinden hätten unter einer Mehr⸗ zahl von Heiden gelebt; da hätte ſich dieſer chriſtliche Gedanke nicht wohl verwirklichen laſſen.

Darauf können wir zweierlei ſagen. Erſtens: Die Gemeinde in Jeruſalem lebte unter einer Mehrzahl von Juden; und war es ihr möglich, Gütergemeinſchaft herzuſtellen, ſo wäre es auch den andern Gemeinden wohl ebenſogut möglich geweſen. Zweitens: Waren dieſe andern Gemeinden nur durch äußere Umſtände abgehalten, in ihren geſellſchaftlichen Anordnungen es der Gemeinde zu Jeru⸗ ſalem gleichzuthun, glaubten ſie aber, jene Einrichtung ſei die dem chriſtlichen Sinne am meiſten ent⸗ ſprechende: ſo hätte ſich bei ihnen wenigſtens ein Streben kund thun müſſen, die Hinderniſſe weg⸗ zuräumen und ſie auch bei ſich zu treffen. Davon zeigt ſich aber nicht die leiſeſte Spur.

Daraufhin würde uns nun von jener Seite vielleicht vorerſt keine Erwiderung gegeben werden.

Prüfen wir nun aber doch jetzt genau, wie es mit der Gemeinde zu Jeruſalem, auf die wir hingewieſen werden, in dieſer Beziehung ſtand.

Ap. Geſch. 2, 44. 45 leſen wir:Alle aber, die gläubig waren geworden, waren bei einander und hielten alle Dinge gemein. Ihre Güter und Habe verkauften ſie, und theilten ſie aus unter alle, nachdem jedermann noth war.