Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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Krates die herkömmliche, alterthümliche Form der komiſchen Aufführungen, die noch mit der rein perſonlichen Satire, mit dem Spottgedicht der Jambiſten verwachſen waren, und machte ſich an die dramatiſche Compoſition von Fabeln und Stoffen allgemeinen Inhalts(·α610⁹). Gerade an dieſer überaus bedeutſamen Stelle reißt der Faden der ariſtoteliſchen Darſtellung ab; ſie ſpringt plötzlich auf einen höchſt ſeltſamen Vergleich zwiſchen dem Epos und der Tra⸗ gödie über. Die Verderbniß des überlieferten Textes iſt hier ganz evident.

Was nun unter der Compoſition von Stoffen allgemeinen Inhaltes(2αα ⁶οι) oder ge⸗ nauer unter der verallgemeinernden Behandlungsweiſe der Stoffe zu verſtehen ſei, darüber ſpricht ſich Ariſtoteles an mehreren Stellen auf's Deutlichſte aus. Einmal verlangt er nämlich*), daß der dramatiſche Dichter ſeinen Stoff, ſei es nun ein ſelbſterfundener, ſei es ein(durch Sage oder Geſchichte) überlieferter, jedenfalls zunächſt in ſeinen allgemeinſten Umriſſen geſtalte und dann erſt das gleichſam noch unperſönliche Gerippe durch paſſend gewählte Ausfüllung und Umklei⸗ dung zu einem wohlgeformten Organismus, gewiſſermaßen zu einem künſtleriſchen Individuum herausbilde und zwar ſo, daß zwiſchen der individuellen Schöpfung des Dichters und dem in ſeinen Grundzügen und Hauptmomenten beibehaltenen Mythos völlige Harmonie herrſche. An dem Iphigeneiamythos wird die Eigenthümlichkeit des Verfahrens kurz dargelegt.**)

Daß nun Ariſtoteles gerade in dieſem Verallgemeinern, in dem Idealiſiren der Stoffe ein weſentliches Moment aller wahren dichteriſchen Kunſtthätigkeit ſieht, iſt zweifellos.***) Es hängt dies aufs Engſte mit dem ſeiner Kunſtlehre zu Grunde liegenden Begriff der Nachahmung zu⸗ ſammen. Namentlich aber erhält die eben erwähnte Stelle der Poetik eine ganz ausgeprägte Bedeutſamkeit, wenn man ſie mit einer anderen) verbindet, an welcher als die wichtigſte Auf⸗ gabe der Poeſie das Verallgemeinern, das Idealiſiren der Stoffe nach den Geſetzen der Wahrſchein⸗ lichkeit oder Nothwendigkeit(ατ⁴αν τ eiν⁹ε τ0 deνυαάeααο) hingeſtellt wird im Gegenſatz zu der Geſchichte, welche die Dinge ſo darzuſtellen habe, wie ſie in Wirklichkeit ſich zutrugen. Um dieſen Gegenſatz zu verdeutlichen, wählt Ariſtoteles gerade die komiſche Poeſie. Die Jambiſten, meint er, behandelten in ihren Spottliedern und Poſſen Thatſachen aus dem Leben einzelner allgemein bekannter Perſonen, welche ſie mit ihrem wahren Namen benannten und genau in derſelben Weiſe und unter denſelben Umſtänden vorführten, durch welche ſie ſich

*) c. 17. 1455 a 34 b 15.

*r) Andere höchſt lehrreiche Belege für dieſe Seite des künſtleriſchen Schaffens ſtehen der Neuzeit in dem Briefwechſel zwiſchen Schiller und Göthe zu Gebot und es läßt ſich dort auch an kleineren Dichtungen z. B. bei den Kranichen des Ibykus deutlich verfolgen, wie ein an ſich unbedeutender, ja dürftiger Stoff(bei Suidas und Plutarch) unter der Einwirkung jenes Compoſitionsgeſetzes zu einem üppigen Organismus anſchwillt. ſ. beſonders Nr. 359. 360. 362. 365. 366 b. 367. 368

*rr) Metaph. I 981 a 15. Rhet. I 2. 1356 b 28. od*euta de rεr* deom τ⁶ να ενoοτoν. Polit. III 11 init. Hor. ep. II 3. 309 ff. Reinkens Ariſtoteles über Kunſt S. 181 ff. 274 ff. Schasler Aeſthet. I 137.

) c. 9. 1451 a 36 1451 b 26.