Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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bemerklich gemacht hatten, die kunſtmäßige Komödie dagegen behandelte ihre fingirten Stoffe nach den Geſetzen der Natürlichkeit, der Wahrſcheinlichkeit und legte demgemäß ihren Per⸗ ſonen in der Regel auch fingirte Namen bei; womit indeſſen ſelbſtverſtändlich ganz wohl vereinbar war, daß auch hier einzelne Situationen in ihren Grundzügen der Wirklichkeit ent⸗ nommen, einzelne Namen, wie Sokrates, Kleon, Hyperbolos, von bekannten hiſtoriſchen Per⸗ ſönlichkeiten entlehnt waren.*)

Der Schwerpunkt dieſer Auseinanderſetzung des Ariſtoteles liegt nun unſtreitig in dem Gedanken, daß die Geſchichtſchreibung ebenſowenig wie die Productionen der Jambiſten eine höhere dichteriſche Begabung erfordere; beide bieten gewiſſermaßen nur Referate über wirklich Ge⸗ ſchehenes, ſei nun die Art der Darſtellung eine ernſte oder eine heitere. Das kunſtmäßige Drama dagegen, die Tragödie und die Komödie, ſtellen an ihre Vertreter ganz andere An⸗ ſprüche**). Vor allem kommt es bei ihnen darauf an, daß die Handlung, die Ausgeburt der

*) Denn wie ſich Ariſtoteles die Stellung der kunſtmäßigen Komödiendichter zu den von ihnen ver⸗ ſpotteten thatſächlichen Vorkommniſſen des politiſchen und bürgerlichen Lebens gedacht habe, erhellt genügend aus der oben S. 34 erwähnten Stelle der Poetik c. 17. Wie der Tragiker die gewiſſermaßen hiſtoriſch fixirte Heroenſage nach ſeinem individuellen Belieben und Können ⸗ã⁴⁴o geſtaltet, ohne ſie etwa von Grund aus zu verändern, ſo auch der Komiker ſeinen aus dem Leben entlehnten Stoff.

**) Die beſte Erläuterung zu der ariſtoteliſchen Forderung der verallgemeinernden Stoffbehandlung findet ſich in einer Reihe theoretiſcher Ausſprüche der Neueren, an denen ſich zugleich erweiſt, wie dieſelben müh⸗ ſam nach feſten Kunſtgeſetzen rangen, freilich ohne nachhaltigen Erfolg, da die Romantiker und die ein⸗ ſeitigen Shakespeareenthuſiaſten gar bald wieder die regelloſe Willkür zur Herrſchaft brachten.(Einiges erwähnt F. A. Hartung Lehren der Alten ſ. oben S. 26). Schiller(Briefw. mit Göthe Nr 291):Ich finde, je mehr ich über mein eigenes Geſchäft und über die Behandlungsart der Tragödie bei den Griechen nachdenke, daß der ganze cardo rei in der Kunſt liegt, eine poetiſche Fabel zu erfinden Lerg.und richtig zu geſtalten]. Der Neuere ſchlägt ſich mühſelig und ängſtlich mit Zufälligkeiten und Nebendingen herum, und über dem Be⸗ ſtreben, der Wirklichkeit recht nahe zu kommen, beladet er ſich mit dem Leeren und Unbedeutenden, und da⸗ rüber läuft er Gefahr, die tiefliegende Wahrheit zu verlieren, worin eigentlich alles Poetiſche liegt. Er möchte gern einen wirklichen Fall vollkommen nachahmen und bedenkt nicht, daß eine poetiſche Darſtellung mit der Wirklichkeit eben darum, weil ſie abſolut wahr iſt, niemals coincidiren kann. [Ueber die Dejanira in den Trachinierinnen] Wie ganz iſt ſie die Hausfrau des Herkules, wie individuell, wie nur für dieſen einzigen Fall paſſend iſt dieß Gemälde, und doch wie tief menſchlich, wie ewig wahr und allgemein! Auch im Philoktet iſt alles aus der Lage geſchöpft, was ſich nur daraus ſchöpfen ließ, und bei dieſer Eigenthümlichkeit des Falles ruht doch alles wieder auf dem ewigen Grund der menſchlichen Natur. Es iſt mir aufgefallen, daß die Charactere des griechiſchen Trauerſpiels mehr oder weniger idealiſche Masken und keine eigentlichen Individuen ſind, wie ich ſie in Shakespeare und auch in Ihren Stücken finde. So iſt z. B. Ulyſſes im Ajax und im Philoktet offenbar nur das Ideal der liſtigen, über ihre Mittel nie ver⸗ legenen, engherzigen Klugheit; ſo iſt Kreon im Oedip und in der Antigone bloß die kalte Königswürde. Man kommt mit ſolchen Characteren in der Tragödie offenbar viel beſſer aus, ſie exponiren ſich geſchwinder und ihre Züge ſind permanenter und ſeſter. Die Wahrheit leidet dadurch nichts, weil ſie bloßen logiſchen Weſen ebenſo entgegengeſetzt ſind als bloßen Individuen. Vergl. Nr. 56. 293. 311. 342. 346. 366 a. 399. 400. 402. 406. 602. 809. Ueber das Trag. B. 11. S. 455 ff. Ueber das Pathetiſche B. 11. S. 410 f.:Die poetiſche Wahrheit beſteht aber nicht darin, daß