Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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überhaupt handelt es ſich hier. Die Tragödie hatte einen doppelten Vortheil: erſtlich die Befugniß die in ihren Grundzügen allgemein bekannten Stoffe des alten Mythos mit ſeinen populären Heroengeſtalten zu verwenden und ſodann die Möglichkeit, vermittelſt der Theatermaſchine die allzugroßen Schwierigkeiten der tragiſchen Conflicte im Nothfall zu löſen. Dem gegenüber war es die Aufgabe der Komödie, ihre Stoffe ſelbſtändig zu erfinden und die ſelbſtgeſchaffenen Verwicklungen auch kunſtmäßig zu löſen. Daß dieſe Aufgabe der alten Komödie in geringerem Grade zugekommen ſei, wie der neueren, wird Niemand aus dieſer Stelle herauszuleſen vermögen. Ariſtophanes ſelber rühmt an mehreren Stellen mit großem Selbſtgefühl die Sorgfalt ſeiner dichteriſchen Mache, die Neuheit ſeiner Erfindungen und anderes derart. Freilich gelang es ihm weit eher das Intereſſe der Zuſchauer zu feſſeln, wenn er eine bekannte Perſönlichkeit auf die Bühne brachte, aber der Erfolg des Stückes war wie bei den Späteren hauptſächlich von der Art der Ausführung abhängig. Wenn man daher erwägt, daß die Dichter der alten Komödie einer⸗ ſeits eine reichere Productionskraft und Genialität, andrerſeits eine größere Freiheit der Be⸗ wegung beſaßen, während die Jüngeren außer den vielfachen Beſchränkungen bezüglich der Be⸗ handlung öffentlicher Fragen und Perſönlichkeiten in der That durch keine übermäßige dichteriſche Befähigung hervorragten, ſo wird die Bedeutung jener Stelle vollends klar. Ein Eupolis, ein Ariſtophanes würden auch unter der veränderten Lage des attiſchen Theaters im vierten Jahr⸗ hundert noch geniale Leiſtungen hervorgebracht haben, ein Antiphanes hatte unter derſelben doppelt zu leiden. Seine oben erwähnte Aeußerung ſoweit ſie überhaupt eine ernſthafte Auslegung verdient iſt eigentlich in der Hauptſache nichts andres als der Schmerzensſchrei der dichteriſchen Impotenz, als das Geſtändniß, daß er und ſeine Genoſſen es ſich mit der Beſchaffung der Komödienſtoffe recht ſauer werden ließen, was ihnen allerdings auch von andrer Seite*) her bezeugt wird.

Von einer Hervorhebung ſeiner kunſtgemäßeren Behandlung der Stoffe im Gegenſatz zur alten Komödie iſt alſo hier durchaus nicht die Rede.

Wie verhielt es ſich aber andrerſeits mit den Vorgängern des Ariſtophanes und mit dem Stande der komiſchen Kunſt bei ſeinem erſten Hervortreten?

Um hierüber einige Klarheit zu gewinnen, ſtehen uns zwei wichtige Hülfsmittel zu Gebote: die ariſtoteliſche Poetik und die von unbekannten Grammatikern aus einigen äſthetiſchen und litterar⸗ hiſtoriſchen Schriften des Alterthums angefertigten Excerpte.

1.

Die Anſichten des Ariſtoteles über die Komödie ſind bekanntlich in der heutigen, ziem⸗

lich zerrütteten und lückenhaften Faſſung der Poetik leider nur zum kleinſten Theile erhalten.**)

*) Bergk a. a. O. prolegg. III 14: Aehnlich erklärt ſich das Wort des Menander bei Plutarch de glor. Athen c. 7. vergl Hor. Ep. II. 1. 168 ff.

**) Was freilich gewiſſe hypergeniale Aeſthetiker nicht abgehalten hat, allerlei unberechtigte Folgerungen ex silentio dem Ariſtoteles aufzubürden; z. B. Ph. J. Geyer Studien über tragiſche Kunſt. II. Leipzig 1861 S. 43:Hätte nämlich Ariſtoteles unter der Reinigung die Reinigung der Leidenſchaften verſtanden, ſo wäre