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den Satz auf: Die alte attiſche Komödie hat das Privilegium beſeſſen, ſich über die Regeln ſtrenger Dramatik hinwegzuſetzen.
Aber mit welchem Rechte behauptet man dies?
Der Glaube an jenes„Privilegium“ beruht zunächſt auf dem Umſtande, daß die wenigen (11) uns erhaltenen Komödien des Ariſtophanes in ihrer heutigen Geſtalt allerdings formlos ſind. Nun iſt es aber einleuchtend, daß, wenn es ſich um eine ernſtliche Feſiſtellung des Urtheils über die formale Compoſitionsart des Ariſtophanes handelt, vor allem von denjenigen Stücken gänzlich abgeſehen werden muß, welche ohne Zweifel contaminirt, d. h. in Folge von Ueber⸗ arbeitung und Hinzufügung fremdartiger Beſtandtheile ihrer urſprünglichen Form beraubt ſind. Nach Abzug derſelben(Wolken, Frieden, Plutos) würden ſomit noch acht Komödien als Sub⸗ ſtrat der Unterſuchung vorliegen. Berückſichtigt man indeſſen, daß auch bei den Fröſchen und den Wespen von anderer Seite der Verſuch gemacht worden iſt, einige gröbere formelle Mängel dieſer Stücke aus dem Geſichtspunkt der Umarbeitung und der Contamina⸗ tion zweier Recenſionen zu erklären, und daß die dramatiſche Anlage derſelben bereits die ernſteſten Bedenken hervorgerufen hat, ſo dürften eigentlich nur ſechs Stücke als die zuverläſſigen Stützen jener eigenthümlichen Kunſttheorie übrig bleiben. Da jedoch nach den gangbaren Schätzungen die Geſammtzahl der von den Dichtern der alten attiſchen Komödie producirten Stücke ſich auf mehr als 300 belaufen hat(auf Ariſtophanes allein kamen etwa 40— 50), ſo wäre es— von allem übrigen einmal ganz abgeſehen— offenbar von vornherein eine recht mißliche Sache, aus der relativ ſo geringfügigen Zahl der noch vorhandenen Komödien jene Schlußfolgerung zu ziehen und von einem„Privilegium“ der alten attiſchen Komodie mit derſelben Zuverſicht wie von einem mathematiſchen Axiom zu reden.
Geſetzt aber auch daß man auf gegneriſcher Seite, um Weitläufigkeiten zu vermeiden, das „Privilegium“ vorerſt nur bei der Beurtheilung des Ariſtophanes in Anſchlag bringen wollte,— wird alsdann eine methodiſche Kritik ſich mit der ſcheinbaren Garantie begnügen, welche die in ihrer Unverſehrtheit bisher noch nicht angezweifelten ſechs Stücke darbieten? Gewiß nicht! Denn Thatſache iſt: 1) diejenigen Stücke unſeres ariſtophaniſchen Nachlaſſes, welche deutliche Spuren von Ueberarbeitung oder Contamination tragen, ſind formlos; 2) die bisher noch für intact gehaltenen ſind gleichfalls formlos. Hieraus aber zu ſchließen: folglich muß die Kunſtpraxis des Ariſtophanes überhaupt das Privilegium der Formloſigkeit beſeſſen haben, wäre einſeitig und übereilt. Vom Standpunkt der Logik vollkommen berechtigt iſt auch der an⸗ dere Schluß: folglich können die bisher noch nicht verdächtigten Stücke ebenfalls über⸗ arbeitet und contaminirt ſein*). Und da nun die Geſchichte der Tradition unſeres Autors in
*) Beiläufig ſei hier nur daran erinnert, daß Jahrhunderte hindurch recht ſcharſſichtige und gelehrte Männer z. B. in formeller Hinſicht keinen tiefgreifenden Unterſchied zwiſchen den Wolken, die doch jetzt ziem⸗ lich allgemein als ein unfertiges und ſtümperhaft zuſammengeflicktes Machwerk gelten, und den übrigen Stücken des Ariſtophanes wahrnahmen. Man war eben conſequent im Nichtſehen.


