Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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zu wenig gewürdigtes Beiſpiel. In der ariſtoteliſchen Poetikr) wird nämlich der dramatiſche Dichter eindringlich ermahnt, ſich bei der Geſtaltung des Mythos keine Widerſprüche entſchlüpfen zu laſſen, und zum Beleg für das ſtrenge Urtheil des Publikums iſt auf das Mißgeſchick des Dichters Karkinos verwieſen. Derſelbe hatte in einem Drama den Amphiaraos ſich aus dem Tempel entfernen laſſen, ohne daß dies dem Zuſchauer beſtimmt angezeigt wurde und dieſem unbedeuten⸗ den Verſehen hatte er es alsdann zuzuſchreiben, daß das Stück durchfiel.

Allerdings könnte man gegen die allzu ernſtliche Verwerthung dieſes Beiſpiels einwenden wollen, daß in den uns erhaltenen Tragödien**), den Werken von drei anerkannten Meiſtern, ſich recht erhebliche Verſtöße gegen die Regeln der Theorie fänden und mithin eine gleichſtrenge Kritik von den Athenern wohl nicht in allen Fällen geübt worden ſei. Es iſt aber dieſer Ein⸗ wand weder an und für ſich noch in Bezug auf die vorliegende Unterſuchung von Bedeutung. Denn einerſeits muß bei den fraglichen Abnormitäten der überlieferten Tragödien, bevor man ſie billigerweiſe in die Wagſchale werfen kann, jedenfalls erſt(nach Maßgabe unſerer oben S. 7 Anm. erwähnten, für die Mehrzahl der erhaltenen griechiſchen Autoren gültigen Hypotheſe) im Einzelnen aufs Genaueſte unterſucht werden, ob ſie der urſprüng⸗ lichen Faſſung der Stücke angehört haben oder etwa erſt in Folge einer Ueberarbeitung ent⸗ ſtanden ſind, andrerſeits hat ja die gegenwärtige Auseinanderſetzung die beſchränkte Aufgabe, ledig⸗ lich über das Verhältniß zwiſchen der antiken Theorie und der alten attiſchen Komödie Klarheit zu ſchaffen oder mit andern Worten, feſtzuſtellen, daß es a priori kein willkürlicher Einfall, ſondern eine in dem Weſen der alten Kunſtlehre begründete Forderung ſei, an die Schöpfungen auch der komiſchen Muſe einen ſtrengeren kritiſchen Maßſtab anzulegen als es bisher der Brauch war. Ob dieſer Aufgabe hiermit in der Hauptſache genügt ſei, mögen Andere entſcheiden.

Nun zu dem Privilegium ſelber.

II.

Als höchſte und wichtigſte Aufgabe des kunſtgerechten Dramatikers ſieht Ariſtoteles die zweck⸗ mäßige, von ganz beſtimmten Normen geleitete Behandlung des Mythos, der Fabel an. Wie verhält es ſich nun in dieſer Hinſicht mit der Komödie? Konnten bei dieſer alle künſtleriſchen Anforderungen auf das gröblichſte vernachläſſigt werden, ohne die betreffenden Dichter in den Augen des Kritikers jeglichen Anſpruches auf den Titel von wahren Künſtlern zu entkleiden? Gewiß nicht. Oder konnte etwa gerade in dieſer Kunſtart dem Einzelnen vorübergehend eine Ausnahmeſtellung eingeräumt werden, durch welche alle Begriffe von künſtleriſcher Be⸗ handlung des Stoffes über den Haufen geworfen werden mußten? Man ſagt ſo und ſtellt

*) c. 17. 1455 a. 22. **) Deren Zahl übrigens in gar keinem Verhältniß ſteht zu der Fülle von Dramen, welche dem Ariſto⸗ teles vorlagen. Vergl. auch Briefw. zw. Schiller und Goethe Nr. 311.