Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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Weſen der alten Kunſt durchaus widerſprechen nnd einen ſolchen um jeden Anſpruch auf den Namen eines wahrhaften Künſtlers*) bringen muß.

Das Geſetz der Einheit, Ordnung und Syuraetgie iſt mithin und damit kehren wir zu unſerem Ausgangspunkte zurück für die griechiſche Poeſie als weſentlichſtes formales Erforderniß anzuſehen. Und wenn auch ſeine ſtrenge Befolgung auf den Beſchauer leicht den Eindruck des Starren, Unfreien, ja Schablonenmäßigen macht, ſo iſt es doch, wie Weſtphal**) richtig hervorhebt, nun einmal für die geſammte griechiſche Kunſt, nicht bloß für die muſiſche, ſondern auch für Architectur und Plaſtik um ſo mehr maßgebend geweſen, je höher dem Alter⸗ thum überhaupt das Anſehen der Form ſtand und je ſchwerer ihm die Losſagung von den ein⸗ mal überlieferten formalen Beſtimmungen wurde.

Soweit die antike Theorie. Wie aber auf Grund derſelben eine maßvolle Beurtheilung der erhaltenen Kunſtwerke mit einiger Sicherheit ſich unternehmen laſſe, darüber kann im Großen und Ganzen kaum geſtritten werden, zumal wenn man bedenkt, wie ſcharf und entſchieden das äſthetiſche Urtheil der Alten in der Regel lautete. Um dies zu erkennen, braucht man gar nicht bis zu den alexandriniſchen Kritikern und bis zu Horaz und ſeinen Landsleuten herabzu⸗ ſteigen. Ariſtophanes und Ariſtoteles geben ein ausreichendes Material. Wer die derben kriti⸗

ſchen Zurechtweiſungen, durch welche Ariſtophanes einen Euripides, Agathon ſowie die dramatiſchen dii minorum gentium dem Gelächter der Menge preisgibt, und andrerſeits die feinere, maß⸗ vollere Perſiflage, welche er bisweilen gegen Aiſchylos richtet, auch nur einmal im Zuſammen⸗ hang und mit Ueberlegung überblickt hat, wer ferner die in die ariſtoteliſche Poetik eingeſtreuten kritiſchen Erörterungen(insbeſondere auch das 25 Cap.) nach Gebühr beachtet, wer endlich erwägt, daß Ariſtoteles ſeine Kunſtregeln nicht etwa als je nach Belieben zu befolgende oder zu vernach⸗ läſſigende Rathſchläge, ſondern geradezu als naturnothwendige Bedingungen für die Herſtellung wahrhaft ſchöner Kunſtwerke vorführt, der wird bei der Wahl des richtigen Maßſtabes kaum fehlgreifen. Man hat in äſthetiſchen Erörterungen von jeher viel von dem feinen Geſchmack, dem ſicheren Gehör und dem ſcharfen kritiſchen Blick des atheniſchen Publikums geredet und mancherlei Belege dafür vorgebracht. Schon imAlterthum galt z. B. Athen unbeſtritten als die hohe Schule der tragiſchen Dichter.**) Wer immer unter den Hellenen im Drama etwas leiſten zu können meinte, der unterwarf ſeine Erzeugniſſe vor allem der Feuerprobe der atheniſchen Kritik, indem er alsdann im günſtigen Falle des Beifalls der Andern ſicher war. Daß aber auch das Urtheil der Athener in Sachen der dramatiſchen Compoſition ein ſehr feinfühliges, um nicht zu ſagen empfindliches geweſen iſt, dafür gibt es ein ſchlagendes, bisher freilich noch

*) Deſſen Aufgabe ſich zur Genüge aus der oben S. 23 angeführten ariſtoteliſchen Stelle(1140 a 9) ergibt, an welcher die Kunſt als eine eEeraονν ανν⁵ςοωςσ τπππινπν definirt iſt, oder, wie W. von Hum⸗ boldt umſchreibt:die Fertigkeit, die Einbildungskraft nach Geſetzen productiv zu machen.

**) Prolegg. zu Aeſchylus Tragödien Leipzig 1869 S. 80 gelegentlich der Beſprechung des Terpandriſchen Nomos und ſeiner Bedeutung für die muſiſche Kunſt.[Pollux 4, 661. ***) Platon Laches c. 6..