wicklungsgang gelangt ſo die Kunſt auf ihren Höhepunkt, nun kann ſie dem naturgemäßen Ziele ihrer organiſchen Entwicklung, gewiſſermaßen ihrem Ideal, möglichſt nahe kommen.*)
Erſt jetzt vermag der Künſtler Schöpfungen hervorzubringen, die der höchſten denkbaren Vollkommenheit nahezu theilhaftig ſind und die ihm, wie z. B. dem Pheidias für ſeinen Zeus in Olympia, neben vielen überſchwänglichen Lobeserhebungen auch das ehrenvolle Zeugniß eintragen,“*) daß Niemand, der das Werk einmal geſehen, ſich den Gegenſtand leicht anders vorſtellen könne, oder daß, wenn das Dargeſtellte überhaupt Realität beſitze, es genau ſo und nicht anders ausſehen müſſe.
Alsdann aber iſt eine Art von Stillſtand natürlich unvermeidlich. Das gefundene Kunſtgeſetz herrſcht; die Meiſterſchaft des ausübenden Künſtlers erprobt ſich nun durch die Art, wie er ſich unter dieſer Herrſchaft mit einer gewiſſen Selbſtändigkeit zu bewegen weiß. Eine leichte Abirrung, ein Verſtoß gegen jenes Geſetz wird dabei immer einmal mitunterlaufen.***)
Sobald jedoch die Anforderungen der anerkannten Regeln zu Gunſten eines beſonderen Effeetes oder aus zu großer Nachgiebigkeit gegen den ungeläuterten Geſchmack der Menge ernſtlich und andauernd vernachläſſigt werden, †) beginnt der Verfall, die Willkür, die Zuchtloſigkeit.
Aus dieſer kurzen, auf Vollſtändigkeit keinen Anſpruch machenden Hervorhebung der wichtigſten Grundlinien der antiken Kunſtlehre erhellt nicht allein, welche Anforderungen man in Hellas während der Blüthezeit der Kunſt an ein wirkliches Kunſtwerk im Allgemeinen geſtellt haben mochte, ſondern auch welch ein ſchroffer Abſtand beſteht zwiſchen der claſſiſchen Kunſt auf ihrem Höhepunkt und zwiſchen dem, was man wohl heutzutage als„romantiſche Kunſt“ verherrlicht ††). Das antike Kunſtwerk ſollte gleich den organiſchen Gebilden der Natur den Beſchauenden beim erſten Blick das ſichere, formenſtrenge, zweckbewußte und harmoniſche Walten der ächten Künſtlerhand ſ†) erkennen laſſen. Eine ſchöne Idee in lotteriger, von der bloßen Willkür beſtimmten Form zu verſinnlichen, war den Hellenen ſo durchaus zuwider, daß ſie ein ſolches Verfahren als ein Symptom entweder der uranfänglichen Rohheit und Unbehülflichkeit oder aber des vollſtändigen Verfalles betrachteten. †fſ†) Sie ſahen eben in der ächten Kunſt eine geregelte, in jedem Moment
*) Polit. I. 2. 1252 b. 32.— Poet. c. 4. 1449 a. 14[pgl. c. 5. 1449 b. 2. und Problem. XVI. 13.]
**) Overbeck, Geſchichte der griechiſchen Plaſtik. 1869. I. S. 232.
**r) Eth. Nikom. VI. 5. 1140 b. 22.(Vergleich zwiſchen den Vergehungen im Gebiete der Kunſt und denen im Gebiete der Moral).— Poetik. c. 25 und c. 17. 1455 a. 25.— ſc. 25. 1460 b. 13. 1461. b. 21.]— Vergl. Teichmüller a. a. O. I. 135 ff.
†) Poet. c. 18. 1456 a. 27— 32.— c. 9. 1451 b. 36— 39. a. o. a. O.— c. 14. 1453 b. 8.— Bezüglich der Entartung der Muſik ſ. Polit. VIII. 6 und 7.
tt) Entſchieden verkehrter und unhaltbarer Widerſpruch gegen obige Auffaſſung findet ſich bei F. v. Raumer lUeber die Poetik des Ariſtoteles und ſein Verhältniß zu den neueren Dramatikern. Hiſtor. Taſchenbuch. 1842 Neue Folge III. S. 217 ff.
Trr) Ariſtot. de part. an im. I. 5. 645 a. 10.
riit) Dieſes Bewußtſein ſchimmert offenbar auch noch bei Horaz durch, wenn er(ep. II. 3. gff.) den Einwand der Stümper: Pictoribus atque poetis quidlibet audendi semper fuit aequa potestas dahin berichtigt: sed non ut placidis coeant inmitia, non ut serpentes avibus geminentur, tigribus agni etc. Aehnlich anderwärts.


