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Allerdings hatten die Alten im Allgemeinen eine ſehr hohe Meinung von dem Genius des Künſtlers und ſeinem Wirken. Sie hielten z. B. die Begeiſterung des Dichters für einen Zuſtand göttlicher Begnadung, in welchem derſelbe gleich den Weisſagern und Sibyllen einer höheren Erkenntniß fähig ſei.
Von Demokritos namentlich wird mehrſeitig berichtet, daß er die Dichtergabe als einen Ausfluß göttlicher Begeiſterung angeſehen habe, als eine Art Wahnſinn oder Raſerei oder genauer, daß ſeiner Meinung nach überhaupt Niemand ein guter Dichter ſein konnte ohne die Fähigkeit der Ekſtaſe.*)
Auch Platon redet von dem dichteriſchen Wahnſinn, ohne welchen ſelbſt die vollendete techniſche Schulung nichts Bedeutendes leiſte. Im Phaidros**) rechnet er ihn zu den vier Arten des göttlichen Wahnſinns oder der höheren Ekſtaſe und verherrlicht ihn auch ſonſt mehr⸗ fach als die Quelle der ſchöpferiſchen Kraft, ja ſelbſt des natürlichen Talentes.***)
Bei Ariſtoteles finden ſich Spuren †) einer ähnlichen Beurtheilung des dichteriſchen Enthuſiasmus. Allein andrerſeits gilt es doch auch gerade dieſem Aeſthetiker als ausgemacht, daß, um wahrhaft künſtleriſche Leiſtungen zu Stande zu bringen, ſelbſt zu der vortrefflichſten natürlichen Begabung(eugulc) ††), die das Zweckmäßige und Richtige herauszugreifen, das Ueberflüſſige und Verkehrte zu meiden verſteht, zu der reichſten Kraft der ſchöpferiſchen Phantaſie noch Andres hinzutreten muß, nämlich: eine beſtimmte techniſche Vorbildung, eine klare Einſicht und Erkenntniß bezüglich der angemeſſenſten Geſtaltung des Kunſtwerkes und eine feſte Gewohnung oder Methode. †††) Das blinde, von einem regelloſen Enthuſiasmus geleitete Treffen des Richtigen widerſtrebt dem Weſen der ächten Kunſt faſt ebenſoſehr wie in der Ethik
*) Cicero dſe orat. II. 46. Saepe enim audivi, poetam bonum neminem(id quod a Democrito et Platone in seriptis relictum esse dicunt) sine inflammatione animi existere posse et sine quodam
afflatu quasi furoris.— de divinat. I. 34. Negat sine furore Democritus quenquam poetam magnum esse posse— Hor. ep. II. 3, 295. Ingenium misera quia fortunatius arte credit et exelu- dit sanos Helicone poetas Democritus, bona pars non ungues ponere curat etc.— Klem. Alex.
Strom. VI. a. E. **) 245 A.(Vergl. Shakespeare Mids. n. dream V. 1: The poet's eye, in a fine frenzy rolling etc.)
**) z. B. Sympoſ. 209 A.— Apol. 22 B.— Geſ. III. 682 lironiſch gehalten iſt Jon. 534ff.) Vergl. E. Müller a. a. O. I. 43 ff.
†) Rhet. III. 7. 1408 b. 19.— Poet. c. 17. 1455 a. 32.— Problem. XXXI. 954 a 38.— Vgl. Teichmüller a. a. O. II. S. 428 ff. I. S. 126 ff.— Schasler Aeſthetik I. S. 146 ff.
††) Top. VIII. 14. 163 b. 13—16.— vergl. Pindar Olymp. II. 155. IX. 151.— Longin de subl. II. 6.— Hor. Ep. II. 3. 408ff.
†r) Poet. c. 24. 1460 a 5(vergl. c. 14. 1454 a 11).— Polit. I. 10. 1258 b. 35f.— Eth. Ni⸗ kom. V. 15. 1138. b. 1.— Metaph. VIlI. 5. 1047 b. 31[vergl. 1046 b. 35]. Eth. Nikom. I. 10. 1099 b. 16— 25. Phyſ. II. 2. 194 a. 21.(De part. anim. I. 1. 641 b 21.)— Polit. VIII. 1. 1337 a 18.— Eth. Meg. I. 18. 1190 a. 10 ff.— Metaph.[VI. c. 7. 1032 a 12 f. 29 ff.— XI. 3. 1070 a 6 ff.] I. 1. 981 aà 3—7. Ebendaſ. 30.— Eth. Nikom. VI 4. 1140 a. 9—14. 21.— Poet. c. 1.— Rhetor. I. 1. 1354 a 6— 11.— Ueber die Redekunſt und die Künſte überhaupt Iſokrates geg. d. Soph. 294. a.— vergl. Stob. S. 29, 66.— Aehnlich Hegel Aeſthetik I. S. 363.


