Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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1199

erhabenen Gedanken, nicht die Gewandtheit in der Verſemacherei, ſondern vor allem die künſtleriſche Behandlung des Stoffes, die Formgebungs) iſt es, die ſeiner Ueberzeugung nach das Weſen der Dichtkunſt ausmacht. Der Mythos oder die Fabel iſt ihm gleichſam die Seele des dichteriſchen Kunſtwerks, wie er zugleich auch der Zweck, das Princip deſſelben iſt. Namentlich gilt dies beim Drama. Hier erſcheint dem Ariſtoteles der Mythos unbedingt als der wichtigſte Beſtandtheil. Er ſoll in erſter Linie die Kraft des Dichters in Anſpruch nehmen; denn er iſt ein Werthmeſſer ſeines Talentes. Die Anfänger bringen gewöhnlich in allen übrigen Beziehungen weit früher etwas Vollkommenes zu Stande als gerade in dieſer. Den älteſten Vertretern der dramatiſchen Gattung erging es(im Gegenſatz zu den ſpäterhin erſchienenen Meiſtern) ebenſo. Wer aber die Geſtaltung des Mythos d. h. die Anlage der Handlung ernſtlich vernachläſſigt, wird, auch wenn die ſonſtige künſtleriſche Ausführung(z. B. Characterſchilderung, Sprache und Gedanken⸗ gehalt) ſeines Stückes nichts zu wünſchen übrig läßt, doch ſeine Aufgabe nicht genügend gelöst haben. Gerade in dieſer Beziehung werden die Forderungen der Theorie mit großer Strenge hervorgehoben und nicht einmal die Berufung auf die ſchon in der älteſten epiſchen Faſſung dem Mythos anhaftende Mangelhaftigkeit wird geſtattet. In dieſem Falle, meint Ariſtoteles, iſt es die Sache des dramatiſchen Dichters, einen ſolchen Mythos richtig und kunſtgemäß umzugeſtalten.

Als Normen für die dichteriſche Geſtaltung des Mythos ſind aber unſtreitig die oben er⸗ wähnten Schönheitsgeſetze anzuſehen.

Sonach hat wohl im Allgemeinen der zu einem Drama kunſtmäßig verarbeitete Stoff nach der Meinung des Ariſtoteles folgende formale Eigenſchaften beſitzen müſſen:

1. Begrenzung**), durch welche der an ſich unbegrenzte Stoff zunächſt eine deutlich wahrnehmbare Form und ſomit eine ſelbſtändige Exiſtenz erhält. Von einer wohlan⸗ gelegten Fabel wird vor allem gefordert, daß ſie ſowohl zu Anfang als am Ende richtig d. h. zweckmäßig begrenzt ſei. Die Begrenzung hat, wie ſchon bemerkt, zur Vorausſetzung die Ein⸗ heit(α ταπασε) und zwar die Weſenseinheit des organiſch verbundenen Mannigfaltigen, die unſeren Vernunftgeſetzen entſprechende begriffliche Einheit, nicht die abſolute Einheit; aber andrer⸗ ſeits auch nicht die bloße Einheit der Perſon, des Trägers der Handlung. Es iſt dies aner⸗ kanntermaßen die wichtigſte und fundamentalſte unter den Forderungen, welche die antike Kunſt⸗ lehre an den dramatiſchen Dichter ſtellt.

2. Ordnung,**r) durch welche die Reihenfolge der Theile und ihre Stellung zum Ganzen

*) ou*οlς oder auαrαs τιιν ν*νωπ. Ueber die Bedeutung von090s bei Ariſtoteles handelt erſchöpfend: Vahlen Beiträge zu Ariſtoteles Poetik. Sitzungsberichte der k. k. Akademie in Wien. Phil. hiſt. Cl. 50 (1865) S. 295ff. Darnach5 90⸗= 1.) nd‿'uæra Stoff; 2) cuα Compoſition; mitunter findet auch eine Vermiſchung beider Bedeutungen ſtatt.

**) Poet. c. 6. 1449 b. 24 29. c. 7. 1450 b. 23 34. c. 8. 1451 a. 15 36. c. 23. 1459 a. 16 24. c. 18. 1456 a. 10 19. c. 26. 1462 b. 3 7. c. 13. 1452 b. 31. 1453 a 12. vergl. auch die Stellen bei R. Eucken. Die Methode der ariſtot. Forſchung. Berlin 1872. S. 110 ff.

***) Poet. c. 7. 1450 b. 26 u. 32 36. c. 8. 1451 a 33. c. 9. 1451 a. 36 b. 7. c. 9. 1451 b. 29 32. c. 9 1451 b. 33 39. c. 10. 1452 a. 14 21. c. 11. 1452 a. 22 29(36 39). c. 15. 1454 a. 16. c. 15. 1454