Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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die geſammte Kunſtthätigkeit deſſelben waren dieſe Normen augenſcheinlich von der höchſten Be⸗ deutung. Sie verleihen z. B. den Schöpfungen der antiken Plaſtik das Gepräge der edlen Einfachheit, der erhabenen Ruhe und Sicherheit, der harmoniſchen Vollendung, mit einem Worte: der Claſſicität. Mußten doch die Hellenen auf jene Geſetze ſchon durch das Grundprinzip ihrer künſtleriſchen Auffaſſungsweiſe hingeleitet werden, welches in der Nachahmung nicht etwa bloß der organiſch gegliederten Naturproducte, ſondern auch der die Unvollkommenheit der Natur⸗ weſen ergänzenden Ideen, des Ideals, beruhte*). Dennwo die Erſcheinungen hinter ihrem Gedanken zurückblieben, ſchaut der Künſtler im Geiſt, was ſie wollten und ſtellt im Werke die Vollendung nach dem Urbilde her.**) Daß man jenen formalen Anforderungen des künſtle⸗ riſchen Schaffens von vornherein mit klarem Bewußtſein oder gar mit vollendeter philoſophiſcher Reflexion nachgekommen wäre, iſt ſelbſtverſtändlich nicht anzunehmen. Im Gegentheil die Fähig⸗ keit der Objectivirung, der Verkörperung des Gedachten überhaupt war bei den Hellenen eine ſo eminente, daß die Reflexion den raſch voraneilenden practiſchen Leiſtungen der Kunſt nicht unmittelbar gefolgt zu ſein ſcheint.Mit je vollkommenerer Schöpferkraft ſie alſo in der That begabt waren, deſto weniger wußten ſie um dieſelbe.***) Die griechiſchen Künſtler arbeiteten allerdings faſt von Anbeginn nach jenen formalen Schönheitsgeſetzen, ihr Genius war ſchon in den früheſten Zeiten von denſelben durchdrungen und die ihrer Phantaſie vorſchwebenden Ge⸗ ſtalten formten ſich faſt unwillkürlich nach jenen Maßen. Dies lehrt die Mehrzahl der uns noch erhaltenen Kunſtwerke. Aber andrerſeits beſaß doch auch dieſe Nation eine ſo tiefeinge⸗ wurzelte Anlage zu philoſophiſcher Betrachtung der Dinge, daß es für ſie geradezu unmöglich war, längere Zeit hindurch auf dem Standpunct einer rohen Empirie, einer blindlings operiren⸗ den Technik zu verweilen. In der That fehlt es auch nicht an Spuren, welche ein ſchon in früher Zeit hier und va hervorleuchtendes Bewußtſein von den höheren Bedingungen und An⸗ forderungen der Kunſt erkennen laſſen.

Schon Homeros rühmt von Demodokos, der bei den Phaiaken die Heimfahrt der Achaier beſingt, daß ervollſtändig und in gehöriger Ordnung die Thaten und Schickſale derſelben darzuſtellen weiß.) Der Philoſoph Demokritos aber bezeichnete hin⸗ wieder den Homeros als einen gottbegeiſterten Sänger, der es verſtanden habe, aus den mannig⸗ faltigen Sagen der Vorzeit einen wohlgegliederten Bau zu zimmern.)

*) Z. B. Ariſtot. Phyſ. II. 8. 199 15(vergl. 194 a 21. 381 b. 6. 396 b 12. 1447 a 16). Polit. VII. 17. 1037 a 1.[Der dem Manuſc. beigefügte griech. Text der citirten Stellen mußte leider, um den Druck des Programms nicht über Gebühr zu verzögern, in der letzten Stunde weggelaſſen werden Er wird daher bei einer andern Gelegenheit nachgeliefert werden.]

**) A. Trendelenburg. Das Ebenmaß, ein Band der Verwandtſchaft zwiſchen der griechiſchen Archaeologie und griechiſchen Philoſophie. Kl. Schriften Leipzig 1871. II. S. 318.

***) Ed. Müller Geſchichte der Theorie der Kunſt bei den Alten. Breslau 1834 1. S. 5 f.

) Od. VIII. 486 ff.

rt) Dion Chryſ. or. 53 init.