— 10—
oben erwähnten äſthetiſchen Tagesſtrömungen unbeeinflußt geblieben waren, ihn als Dramatiker auf's ſchärfſte verdammt. Andere dagegen verlegten ſich mehr darauf, jenen Widerſpruch ab⸗ zuſchwächen. So z. B. G. Bernhardy.*)
Und doch muß derſelbe trotz alles Sträubens in Hinſicht auf die ſpäteren Stücke des Dichters das bedenkliche Zugeſtändniß machen(a. a. O. S. 636):„Zwar glänzt der Komiker auch dann noch mit Fülle des Witzes und liebenswürdiger Laune, doch ſchafft er mehr Genre⸗ bilder und luſtige Scenen als ein geſchloſſenes Kunſtwerk, und der früher wenig beachtete[!?] Mangel an ſtrenger Dramaturgie wird bei ſo loſe gefugten Situationen ſehr empfindlich.“
So unverkennbar das Urtheil Bernhardy's von jener romantiſchen Grille, daß Genialität mit ſchrankenloſer Willkür, Launenhaftigkeit und Selbſtverſpottung identiſch ſei, beeinflußt wird, ſo klingt doch deutlich genug aus ihm heraus, Ariſtophanes habe das auch der genialſten Dichternatur zuſtehende Maß der poetiſchen Freiheit bei weitem üperſchritten. Ungeachtet ſeiner wohlwollenden Geſinnung für Ariſtophanes kann Bernhardy das Bekenntniß nicht unter⸗
Poſſenreißer gilt ihm immer der Moment mehr als das Ganze und er gibt häufig ſeinen Stücken einen Schluß, der das Gegentheil von dem beweiſt, was er im Anfang ſagen wollte. Ariſtophanes hat alſo in der That keine Komödien ſondern Farſen, Poſſen geſchrieben. Wir müſſen es mit dem rechten Namen nennen, um das richtig zu würdigen, was er wirklich geleiſtet hat.“. *) Grundriß der Gr. Litteraturgeſchichte. II. 2(1872) S. 634:„Ariſtophanes weiß nichts von den Mühen um einen ſtreng gefugten dramatiſchen Haushalt von Einheiten des Ortes und der Zeit. Seine Charaktere ſind ihrer ochlokratiſchen Natur gemäß geiſtesverwandt, mehr ſymboliſch als konkret, und werden nur durch ſtärkere Farbengebung unterſchieden; ebenſowenig braucht er die Handlung ſtraff zu ſpannen und ohne Seitenweg auf ein äußerſtes Ziel zu treiben. Eine fortſchreitende dramatiſche Bewegung wurde damals weder geſucht noch ängſtlich an Illuſion geknüpft, ſchon die Freiheit der Parabaſe widerſprach, da ſie für einige Zeit den Stillſtand des Spiels und eine Reihe zwangloſer Vorträge dem Dichter verſtattet. Er darf vielmehr ſein Gewebe dehnen und lockern, wirkſame Motive variiren und im Lauf des Dramas wiederholen, den Dialog läſſig halten und geſchwätzig führen[!], ohne dem hei⸗ teren Einfall und der perſönlichen Charakteriſtik einen Platz zu verſagen. Die Handlung pflegt daher durch⸗ ſichtig[eJ in einem loſen Nacheinander von Scenen ſich auszubreiten; ſie dient keinem verſteckten und verwickelten Plan[?] und kann das Geheimniß einer Kataſtrophe leicht entbehren. Ariſtophanes hat in ſeiner Oekonomie, wie man durchweg in der alten Komödie verfahren mochte, keinen Mechanismus II) be⸗ folgt. Am wenigſten kümmert er ſich um Zahl, Umfang und Ebenmaß der Scenen, und fragt nicht, ob ſie klein oder lang ausfallen und wie weit ſie zum Bau des Ganzen beitragen. Er häuft eine Reihe von Contraſten durch phantaſtiſche Gruppen, und darf verbindende Glieder will⸗ kürlich überſpringen, die kaum angedeutet werden, und Scenen epiſodiſch einlegen: denn da die Welt des Komilers alle[?²] Nothwendigkeit ausſchließt, ſo läßt ſie für Augenblicke den Verband von Ur⸗ ſachen und Wirkungen vergeſſen. Man wird alſo häufiger mit ſeiner geiſtreich erfundenen und entwickelten Expoſition, dem Vorgrund des Themas, als mit dem dramati⸗ ſchen Ausbau zufrieden ſein. Daß aber dieſes Reich der Willkür, in der allein die Phantaſie des jeder irdiſchen Feſſel entrückten Genius zu walten ſcheint[!], nicht völlig in der Luft ſchwebe, ſondern in feſten Formen ſich bewege, dafür ſorgt die fixirende Plaſtik und die Schärfe der typiſchen Charakteriſtik.“


