Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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Nur in einem Punkte kann ſelbſt der wohlmeinendſte Richter bei unbefangener Erwägung keine Nachſicht üben. Es iſt dies die Geſammtanlage, die Form ſeiner Stücke. Dieſelbe ſteht nicht allein in auffallendem Widerſpruch mit den bekannten ſtrengen Regeln der antiken drama⸗ tiſchen Technik, ſondern ſogar mit den ziemlich laxen Anforderungen der Neuzeit. Alle jene oben angedeuteten Vorzüge(und was ſich ſonſt etwa noch zum Lobe des Dichters vorbringen läßt) haben dies ſpringt bei ſchärferem Zuſehen ſofort in die Augen doch immer nur für gewiſſe größere oder kleinere Partien der einzelnen Stücke volle Gültigkeit. Als Ganzes be⸗ trachtet, kann keines der letzteren auch nur für ein mittelmäßiges Drama, geſchweige denn für eine Muſterkomödie, erklärt werden. Kurz und bündig hat dies W. S. Teuffel) ausge⸗ ſprochen:Endlich die Kunſtform des A. betreffend, ſo darf man bei ihm keine ſtrenggegliederte Oekonomie, keinen regelrechten Plan, keinen ſtetigen Fortſchritt zu einem feſten Ziele ſuchen. Die Expoſition zwar iſt bei ihm gewöhnlich meiſterhaft, das Weitere aber beſteht meiſtens in einem Nebeneinander voyn komiſchen Scenen, welche in dem jedesmaligen Hauptgedanken ein Band haben, das der genialſten Freiheit der Bewegung keinen Eintrag thut, und oft genug läßt das Stück gegen Ende hin nach und ſinkt einem halb typiſchen Schluſſe zu. Ueberhaupt aber beſteht bei der ganzen alten Komödie(im Unterſchied von der neuen) die Hauptſtärke nicht ſowohl in Verwicklungen und deren kunſtgerechter Löſung, ſondern vielmehr im Witze der Situation ſelbſt; auch iſt durch den wunderhaften Grundcharacter der alten Komödie(der mit ihrer Beſtimmung als kirchliches Feſtſpiel zuſammenhängt) der Dichter über die Forderungen der Verſtändigkeit(Plan, Wahrſcheinlichkeit, Cauſalzuſammenhang, Conſequenz ꝛc.) im Voraus hinweggehoben. Kühn, phantaſtiſch, genial, abenteuerlich ſind die Stücke der alten Komödie, und dies iſt die Regel, der ſie folgen.

Daß bei dieſer Sachlage Ariſtophanes von Urtheilsfähigen niemals für einen wirklichen Dramatiker erklärt werden konnte, iſt einleuchtend. Aus dem Alterthum liegt merkwürdigerweiſe kein Zeugniß vor, aus welchem ſich erſehen läßt, wie die antiken Kritiker gerade dieſe Schwäche des Dichters aufgefaßt haben. Bei den Franzoſen der älteren Schule ſtand er außer anderen Rückſichten auch um jenes empfindlichen Mangels willen geradezu im Verruf**). Von neueren Gelehrten mag hier nur noch eines gewichtigen Belaſtungszeugen gedacht ſein.

F. A. Wolf hat bei der Beſprechung der künſtleriſchen Anlage der Wolken***) in der ihm eigenthümlichen Weiſe kurz und beiläufig ſein geringſchätziges Urtheil zu erkennen gegeben, indem er von den übrigen Stücken des Ariſtophanes alsmeiſtens wahren Stücken redet. Indeſſen haben auch in neueſter Zeit ab und zu einzelne Stimmen), welche von den

*) Pauly's Realencyclopädie unter:Ariſtophanes, 2te Aufl. 1866 I. S. 1628. **) La Harpe Lycée ou cours de la littérat. Paris 1817 I p. 168 s. ***) Ariſtophanes Wolken. Gr. und Deutſch. Berlin 1811, Vorr. S. IV. ) M. Rapp Geſch. des griech. Schauſpiels. Tübingen 1862. S. 197:In den meiſten Stücken ent⸗ wirft er einen Plan und iſt unfähig ihn feſtzuhalten; er vergißt ihn wieder I!J; als der wahrhafte