Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

8

worden, den richtigen Standpunkt ſchaffen. Die vergleichende Betrachtung muß hier wie ja in allen Fällen die Wiſſenſchaft vorwärts bringen. Sind die durch die byzantiniſche Tradition und lediglich durch dieſe auf uns gekommenen Litteraturwerke, welche ſo wenig den in den Ur⸗ theilen und den Kunſtlehren des Alterthums enthaltenen Beſtimmungen entſprechen, blos durch die Verſehen der Abſchreiber, durch die Interpolationen der Schauſpieler und andere derartige Störungen verunſtaltet worden oder haben ſie ſchwerer wiegende Aenderungen und Ueber⸗ arbeitungen erlitten? Welches ſind denn eigentlich die ſicheren Beglaubigungen ihrer durch⸗ gängigen Aechtheit, welches die Momente, die für das Gegentheil ſprechen? Dieſe Fragen müſſen endlich einmal geſtellt, mit Entſchiedenheit in Behandlung genommen und in einer oder der an⸗ deren Weiſe endgültig beantwortet werden. 3

Darauf näher einzugehen iſt jedoch hier noch nicht der Ort, da wir es zunächſt nur mit Ariſtophanes zu thun haben.

Daß Ariſtophanes einer der begabteſten Dichter aller Zeiten geweſen iſt, ſteht wohl außer Frage. Ein kraftgenialiſches Selbſtgefühl, eine überaus fruchtbare Phantaſie, ein wahr⸗ haft prometheiſches Talent in der plaſtiſchen Zuſammenfügung lebensfriſcher Figuren, eine un⸗ umſchränkte Herrſchaft über alle Mittel der höheren und niederen Komik, Kraft, Originalität und Gewandtheit in der Darſtellung komiſcher Situationen, ein immer ſprudelnder Witz, eine bald joviale bald übermüthige und tolle Laune, ein durch Klarheit und Anmuth meiſterhafter Styl, dabei eine wunderbare Fähigkeit, die derbe, bisweilen rohe Realiſtik des ganzen Colorits mit einem feinen Zug idealer Lebensauffaſſung, das heitere Element mit den Eindrücken des ernſten Lebens, inſonderheit des politiſchen Lebens zu durchweben und oft mitten in einer Fluth von Derbheiten und Obſcönitäten einen unverkennbaren ethiſchen Kern hervor⸗ ſchimmern zu laſſen das waren die Eigenſchaften und Vorzüge, welche ihm ſchon im Alterthum den Beifall nicht allein der großen Menge, ſondern auch der auserwählteren Geiſter verſchafften und welche gar manchen grämlichen Moraliſten über ſeine kleinen Ungezogenheiten hinwegſehen ließen. Zwar hat kaum irgend ein andrer Dichter des Alterthums neben einer recht gefliſſent⸗ lich zur Schau getragenen Vorliebe für die gute alte Zucht des öffentlichen und privaten Le⸗ bens ſo lheftig und ſo rückſichtslos an den Fundamenten dieſer Zucht gerüttelt, aber auch an ihm bewahrheitete ſich der Spruch, daß von allen Geiſtern, die verneinen, der Schalk ſtets am wenigſten zur Laſt iſt.

Auch die Neueren ſind im Allgemeinen geneigt, in dieſe mildere Beurtheilung des Günſt⸗ lings der Grazien einzuſtimmen; ſie gehen dem Anſchein nach in ihrer Parteinahme für ihn mitunter noch weiter als die Alten.

Bruchtheil der in Wirklichkeit hier vorgekommenen Störungen ausmachen, ein gemeinſamer Urſprung im Beginn der byzantiſchen Periode anzunehmen ſei.[Die bereits angekündigten beiden folgenden Theile derUnterſuchungen, enthaltend die allgemeinen Erläuterungen zu dieſer Hypotheſe und die kritiſche Be⸗ handlung einer euripideiſchen Tragödie mußten bis jetzt noch zurückgehalten werden, da der Verfaſſer wäh⸗ rend des verfloſſenen Jahres, zum Theil durch Geſundheitsrückſichten, verhindert war, die letzte Hand anzulegen.]