Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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der gerühmteſten Dichtungen zuletzt doch ſtets noch ein ganz bedeutendes Reſiduum übrig bleibt, deſſen Unverdaulichkeit dem geſunden Menſchenverſtand und den einfachſten Geſchmacksregeln der höheren Kunſtanforderungen ganz zu geſchweigen die größten Beſchwerden verurſacht, dann wird das Urtheil des unbefangenen Leſers nothwendigerweiſe ein ſchwankendes und ver⸗ worrenes. Er verliert gar bald das wirkliche Intereſſe an jenen Werken und wird ſich in der Regel halb widerwillig den Urtheilſprüchen jener Litterarhiſtoriker fügen, welche im Hinblick auf das Vorhandenſein vorzüglicher einzelner Partien innerhalb jener Dramen friſchweg die Geſammtanlage derſelben preiſen und in ſolcher unkritiſchen Schönfärberei und gewaltſamen Verherrlichung ihren höchſten Triumph ſuchen.

Aber auch für den wiſſenſchaftlich geſchulten Kritiker kann es bei eingehender Unterſuchung alsbald keinem Zweifel unterliegen, daß bezüglich des griechiſchen Dramas die Wahrnehmung F. A. Wolf's ihre vollſtändige Richtigkeit habe, inſofern man ſich an das Thatſächliche derſelben hält. Die uns überlieferten Stücke ſind in ihrer Geſammtanlage faſt durchweg mangelhaft. Etwas anderes iſt es nun aber, die zutreffende urſächliche Erklärung dieſer Thatſache zu geben. Hierfür hat Wolf ebenſowenig geleiſtet wie die Neueren. Es bleibt faſt noch Alles zu thun übrig. Nicht als ob ein großer Theil der hier in Betracht kommenden Anſtößigkeiten bei der Erklärnng einzelner Stücke bisher nicht ſchon vielſeitig empfunden, erwogen und beſprochen worden wäre; im Gegentheil, die koloſſale Menge der ſogenannten Textesverbeſſerungen, Um⸗ ſtellungen, Lückenannahmen uud Ausmerzungen, mit denen die neueren Ausgaben man ver⸗ gleiche z. B. das Dindorf'ſche Corpus der griechiſchen Dramatiker überladen ſind, beweist, wie viel man an den antiken Meiſterwerken auszuſetzen hat. Allein wenn man eine Zeit lang glauben konnte, bei der Herſtellung desurſprünglichen Textes mit den einfachen Haus⸗ mitteln der niederen Kritik auszureichen, ſo ſtellt ſich neuerdings doch die Unzulänglichkeit dieſes Verfahrens immer deutlicher heraus und es iſt auch bereits die unausbleibliche Reaction des kritiſchen Conſervatismus eingetreten. Derſelbe möchte am liebſten alle jene Anſtößigkeiten beibehalten, erklären, rechtfertigen. Wie iſt aber da zu helfen? Nur eine gründliche, das ganze Gebiet der griechiſchen Litteratur*) umfaſſende, von maßvollen Geſichtspunkten der ſoge⸗ nannten höheren Kritik geleitete Prüfung kann, wie ſchon anderwärts**) von mir angedeutet

*) Wie weit auch die römiſche Litteratur hierbei in Betracht kommt, wird ſpäter noch zu erörtern ſein.

*r) Unabhängig von der Andeutung F. A. Wolf's bin ich, wie in meinenUnterſuchungen über das griechiſche Drama. I. Th. Ariſtophanes. Frankfurt a. M. 1871, Vorwort S. Vff.(vgl. auch meineEr⸗ widerung im Litter. Centralbl. 1872 Nr. 18. Sp. 490 f.) kurz angedeutet iſt, von einer konkreten Einzel⸗ unterſuchung über die Wolkenkomödie ausgehend, nach einer kritiſchen Geſammtbetrachtung zunächſt der ariſtophaniſchen Stücke, dann der Tragiker und endlich der übrigen claſſiſchen Litteraturwerke auf Grund der großentheils ſchon zerſtreut vorliegenden kritiſchen Sichtungen ſowie eigner Unterſuchungen zu dem Er⸗ gebniß gekommen:daß für die Mehrzahl der tief eingreifenden Umgeſtaltungen, welche an ſehr vielen Stücken der alten Autoren bisher ſchon nachgewieſen wurden, welche aber allem Anſchein nach nur einen