Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
Einzelbild herunterladen

6

dieſe modernen dramatiſchen Leiſtungen wirkungslos bleiben müſſen, weil ſie formlos, zuchtlos und ohne Rückſicht auf die Forderungen der Technik zu Tage gefördert werden.

In der claſſiſchen Philologie konnte bei dieſer Lage der Dinge neben der mächtig empor⸗ blühenden Realakribie(und dem in ihrem Gefolge ſich hervordrängendenhandwerksmäßigen Be⸗ trieb der Studien, gegen den von berufener Seite ſchon mehrfach ernſtlich Einſpruch erhoben wurde) die äſthetiſche Kritik freilich nicht zu Anſehen gelangen. Das Antereſſe für ſie blieb ein ſo geringes, daß bis jetzt noch nicht einmal die vor nun faſt achtzig Jahren ergangene Auf⸗ forderung F. A. Wolf's: die Reſte der alten Kunſtlehre und die zerſtreuten Urtheile der Alten über ihre eigenen Dichter zuſammenzuſtellen und alsdann mit dieſem Maßſtabe ein⸗ mal die noch vorhandenen griechiſchen Dichtungen abzuſchätzen, in ihrem vollen Umfange erfüllt worden iſt.

Und doch wird jene Forderung von Tag zu Tag drängender, indem bei den einzelnen alten Autoren, Dichtern wie Proſaikern, eine Fülle kritiſcher Beobachtungen ſich anhäuft, durch welche auf die praktiſchen Kunſtanſchauungen dieſer Autoren einſtweilen das bedenklichſte Licht fallen muß. Immer deutlicher wird die Erkenntniß, daß zwiſchen den Fundamentalſätzen der antiken Kunſtlehre und den in vieler Hinſicht ſo mangelhaften antiken Productionen ein unbegreifliches Mißverhältniß obwaltet.

Namentlich gilt dies für das griechiſche Drama. Zu den unbeſtrittenſten Axiomen auch der modernen Aeſthetik gehörte bisher bekanntlich der Satz von der hohen Vollendung des grie⸗ chiſchen Dramas. Das Lob des Aiſchylos, Sophokles und Euripides ertönt aus jedem Munde. Ehrfürchtig neigt vor dieſen Autoritäten auch der ſelbſtbewußteſte Dichterling der Neuzeit das Haupt. Und wer hat es auch jemals zu leugnen vermocht, daß die Dichtungen jener Meiſter gar viele größere oder kleinere Partien aufweiſen, die mit wunderbarer Formvollendung und reichem, ewig lebendigen Gedankeninhalt begabt ſind, Partien, die für die Entwickelung der künſtleriſchen und geiſtigen Elemente der modernen Kultur von nicht zu unterſchätzender Bedeu⸗ tung waren? Sieht man ſich freilich die noch vorhandenen Dramen auch einmal daraufhin an, welche unter ihnen ſich wohl als wahrhafte Muſterſtücke herausgreifen ließen, ſo fällt ſelt⸗ ſamerweiſe das Ergebniß ungemein ſpärlich aus. Rückt man ſich aber nun gar jene wenigen Auserleſenen in die richtige Sehweite, um ein billiges und unbefangenes Urtheil über ſie fällen zu können, ſo kommen noch viel ſeltſamere Dinge zum Vorſchein. Jeder Gebildete, der heut⸗ zutage, mit den unumgänglichen allgemeinen Vorkenntniſſen verſehen, eines jener alten griechiſchen Dramen zur Hand nimmt, weiß im Voraus, daß er weit mehr als bei der Lektüre der fremd⸗ ländiſchen Dramen unſerer Neuzeit den religiöſen, ſocialen und politiſchen Anſchauungen der helleniſchen Dichter Rechnung tragen muß. Auch in äſthetiſcher Hinſicht wird er ſich hüten, über ſo manche Dinge kurzer Hand abzuurtheilen, die dem helleniſchen Geſchmack und den an⸗ tiken Bühnenverhältniſſen augenſcheinlich entſprechender geweſen ſein mußten als den modernen. Wenn aber nach ſo vielen Rückſichten und Einſchränkungen bei der äſthetiſchen Analyſe ſelbſt