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den excentriſchen Launen und der Zuchtloſigkeit Thor und Thür öffnete und die Gewinnung einfacher und naturgemäßer Grundgeſetze, wie ſie z. B. in den trümmerhaften Ueberreſten der antiken Kunſtlehre noch ſo nachdrücklich hervortreten, lange Zeit unmöglich machte*). Unklarheit in den Anſichten über das Weſen, den Zweck und die Mittel der Kunſt, und demgemäß Un⸗ ſicherheit in der Beurtheilung der Kunſtwerke riſſen immer mehr ein. Die von unſeren Claſ⸗ ſikern angebahnte Gewöhnung an beſtimmte Forderungen der Kunſtlehre wurde wieder verlaſſen. Wie ſehr unter dieſen Schwankungen des Geſchmackes die neuere Poeſie zu leiden hatte, zeigt am deutlichſten das Drama, das ja unter allen Umſtänden eine ſtrenge geiſtige Zucht und eine gewiſſenhafte und geregelte Verwendung der techniſchen Kunſtmittel erfordert. Die Erkenntniß, daß das neuere deutſche Drama ungeachtet der anſehnlichen Productivität unſerer Dichter und der achtungswerthen poetiſchen Kraft einiger ihrer beſſeren Leiſtungen ſich doch noch immer nicht recht aus den unteren Stufen eines ſchwächlichen Epigonenthumes emporringen kann, hat nachgerade ernſte Aufmerkſamkeit erregt. G. Freitag**) vor Allen hat in ſehr beherzigens⸗ werther Weiſe den Warnungsruf erſchallen laſſen und mit Nachdruck darauf hingewieſen, daß
*) Die beſte Widerlegung dieſes unnatürlichen Standpunktes läßt ſich bekanntlich den der früheſten Epoche der Romantik angehörigen Schriften der beiden Schlegel entnehmen, z. B. den Abhandlungen Fr. Schlegels„Ueber die Grenzen des Schönen“ und„Ueber das Studium der griechiſchen Poeſie“, in welchen das formale Element der Kunſt noch ſeine angemeſſene Geltung findet und als Ziel der Kunſt die Ob⸗ jectivität der Antike hingeſtellt wird. Wichtige Stellen daraus hat M. Schasler Aeſthetik, Berlin 1872. I. 2. S. 785 ff. angeführt.—
**) Die Technik des Dramas. 2. Aufl. Leipzig 1872. ſ. die Widmung und S. 2:„Der Dichter der Gegen⸗ wart iſt geneigt, mit Verwunderung auf eine Methode der Arbeit hinabzuſehen, welche den Bau der Scenen, die Behandlung der Charaktere, die Reihenfolge der Effecte nach einem überlieferten Syſtem feſter techniſcher Regeln einrichtete. Leicht dünkt uns ſolche Beſchränkung der Tod eines freien künſtleriſchen Schaffens. Nie war ein Irrthum größer. Gerade ein ausgebildetes Syſtem von Detailvorſchriften, eine ſichere in nationaler Gewohnheit wurzelnde Beſchränkung in der Wahl der Stoffe und Bau der Stücke ſind zu verſchiedenen Zeiten die beſte Hülfe der ſchöpferiſchen Kraft geweſen. Ja ſie ſind, ſo ſcheint es, nothwendige Vorbe⸗ dingung jener reichlichen Productivität, welche uns in einigen Perioden der Vergangenheit räthſelhaft und unbegreiflich erſcheint. Noch erkennen wir, daß die griechiſche Tragödie eine ſolche Technik beſaß und daß die größten Dichter nach Handwerksregeln ſchufen, welche zum Theil allgemein waren, zum Theil Eigenthum beſtimmter Familien und Genoſſenſchaften ſein mochten.“— S. 3 von der ausgebildeten Technik:„Leicht wird ſolche Begrenzung in ſpätern Jahrhunderten als Hinderniß einer vielſeitigen Entwicklung aufgefaßt. Aber gerade wir Deutſchen könnten uns ein abſchätzendes Urtheil der Nachwelt recht gern gefallen laſſen, wenn wir nur jetzt die Hülfe einer gemeingültigen Technik beſäßen. Denn wir leiden an dem Gegentheil einer engen Begrenzung, an übergroßer Zuchtloſigkeit und Formloſigkeit, uns fehlt ein nationaler Styl, ein beſtimmtes Gebiet dramatiſcher Stoffe, jede Sicherheit der Handgriffe u. ſ. w.“— Auch F. Th. Viſcher Aeſthetik III. 2, S. 1417f. ſtellt als die bis jetzt noch ungelöſte Aufgabe des neueren deutſchen Dramas hin: „Shakespeare’s Styl, geläutert durch wahre, freie Aneignung des Antiken“; er erwartet noch den„claſ⸗ ſiſch gereinigten deutſchen Shakespeare“; die deutſche Nation ſoll Shakespeare, dieſes„wunderbare, aber noch mit nordiſcher Formloſigkeit behaftete Muſter mit dem andern ewigen Muſter, dem claſſi⸗ ſchen“, zuſammenfaſſen.


