Aufsatz 
Aristophanes und Aristoteles oder über ein angebliches Privilegium der alten attischen Komödie
Entstehung
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die moderne wiſſenſchaftliche Kritik ſchon früher in die richtigen Bahnen zu leiten. Allein dieſe Vernachläſſigung iſt nicht ganz unerklärlich. Waren doch bald nach dem erſten Hervor⸗ treten F. A. Wolf's in Deutſchland gewiſſe philoſophiſch⸗äſthetiſche Richtungen zur Herrſchaft gelangt, welche allmählich die Mehrzahl der normal angelegten Geiſter der Aeſthetik entfremden mußten und welche ihr bis auf den heutigen Tag in dem engeren Kreis der Alterthumsgelehrten faſt nur Geringſchätzung ſtatt Begünſtigung erwirkt haben. Wenn es jetzt noch claſſiſche Phi⸗ lologen in erheblicher Anzahl gibt, die das atheniſche Volk, das wie kein anderes die Aeſthetik gefördert hat, in den feinſten und verborgenſten Zügen ſeiner Geiſtesanlage zu verſtehen glauben, die aber dennoch die äſthetiſche Beurtheilung eines antiken Litteraturwerkes für eine bloße Spie⸗ lerei, wenn nicht für etwas Schlimmeres anſehen*), ſo iſt die Urſache dieſer Geringſchätzung vorzugsweiſe in dem Einfluſſe jener verderblichen Tagesſtrömungen zu ſuchen**). Unter ihnen ſind zwei beſonders hervorzuheben: die hegelianiſche mit ihrer Sucht alles Seiende und Nichtſeiende, mithin auch die Lehre vom Schönen, auf das Prekruſtesbett ihrer Syſteme und in die ſpaniſchen Stiefel ihrer ſchwer verſtändlichen Phraſeologie zu zwän⸗ gen***) und ſodann die romantiſche, welche zwar durch das Hervorziehen halbvergeſſener oder gänzlich unbekannter älterer und neuerer Litteraturſchätze, durch die vielſeitige Anregung der dichteriſchen Phantaſie und durch die Bereicherung unſerer deutſchen Litteratur um eine freilich ſehr eng zu begrenzende Gruppe beſſerer poetiſcher Productionen ſich unleugbare Verdienſte er⸗ worben hat, die aber gleichzeitig durch die Proclamirung der ſubjectiven Willkür, der eman⸗ cipirten Genialität und der alles Poſitive und Reale negirenden Ironie auch in der Aeſthetik

*) Zu der kleinen Zahl der Andersdenkenden gehörte bekanntlich auch der eben genannte Diſſen, der den trefflichen Ausſpruch gethan hat:Die Erkenntniß des Schönen iſt die erhabenſte Auf⸗ gabe der Philologie; denn die vollendetſte Darſtellung des Schönſten in ſchönſter Form iſt das Weſen des hohen claſſiſchen Styls, und alles Begreifen, welches beim Einzelnen ſtehen bleibt, iſt nothwendig leer.(kl. Schriften S. XVIII.)

**.) Daß ähnliche Einflüſſe ſich auch früherhin in ſtörender Weiſe geltend machten, lehrt eine Aeußerung von Winckelmann Geſchichte der Kunſt, IV. 2§. 5(Sämmtliche Werke. Donaueſchingen 1825. 4. B. S. 43 f.)Wie iſt es aber geſchehen, da in allen Wiſſenſchaften gründliche Abhandlungen erſchienen ſind, daß die Gründe der Kunſt und der Schönheit wenig unterſuchet geblieben? Mein Leſer! Die Schuld davon lieget in der uns angeborenen Trägheit, aus uns ſelbſt zu denken, und in der Schulweisheit. Denn auf der einen Seite ſind die alten Werke der Kunſt als Schönheiten angeſehen worden, zu deren Genuß man nicht zu gelangen verhoffen kann, und die deswegen in einigen die Einbildung leichthin erwärmen, aber nicht bis zur Seele dringen: und die Alterthümer haben nur Anlaß gegeben, Beleſenheit auszuſchütten, der Vernunft aber wenig Nahrung lverſchafft] oder gar keine. Auf der anderen Seite hingegen, da die Weltweisheit größtentheils geübet und gelehret worden von denen, die durch Leſung ihrer düſtern Vorgänger in derſelben der Empfindung wenig Raum laſſen können, und dieſelbe gleichſam mit einer harten Haut überziehen laſſen: hat man uns durch ein Labyrinth metaphyſiſcher Spitzfindigkeiten und Umſchweife geführt, die am Ende vornehmlich gedienet haben, ungeheure Bücher auszuhecken und den Verſtand durch Ekel zu ermüden.

*rn) Vergl. das Urtheil von Th. W. Danzel: Ueber den gegenwärtigen Zuſtand der Philoſophie der Kunſt und ihre nächſte Aufgabe. Geſ. Aufſätze, herausgegeben von O. Jahn. Leipzig 1855. S. 50 f.