— 5—
nicht jetzt bereits die unselige Spaltung wegen der Abendmahlslehre sich bemerkbar gemacht hätte! Die Wittenberger und die Schweizer, Luther und Zwingli, treten einander gegenüber wegen des„das ist mein Leib, das ist mein Blut“. Die Uberlegenheit Philipps zeigt sich in seiner Veranlassung des Religionsgesprächs zu Marburg, 1.— 3. Oktober 1520, das freilich ergebnislos verlief, da Luther auf dem Wortlaut„das ist“ bestand und das Zwing— lische„das bedeutet“ verwarf. Diese Unterscheidung trieb die Lutheraner und Reformierten auseinander und half so, den gewaltigen Plan Philipps, den ganzen Norden Deutschlands mit der Schweiz zu verbünden, ja Dänemark, Frankreich, Venedig in diesen Bund der nichthabsburgischen Welt hineinzuziehen, um die spanisch-habsburgische Universal- Monarchie unschädlich werden zu lassen, zu Schanden zu machen. Solchen Riesenplan konnte Philipp fassen, galt er doch jetzt als das politische Haupt der Reformation. Dänemark, England treten mit ihm in Verbindung, weil er„nach dem Urteil der ganzen protestan- tischen Welt die wahren Interessen der evangelischen Kirche am wirksamsten vertrat.“ Kein Wunder, daß er auf dem Reichstage zu Augsburg 1530 dem Kaiser sehr energisch entgegentrat,(— er musste für Alle reden.„Kaiserlicher Majestät Gewissen ist kein Herr und Meister über unser Gewissen“—) ja, daß er schließlich wegen des schleppenden Ganges der Verhandlungen die Stadt demonstrativ verließ, daß zu Schmalkalden im selben Jahre die evangelischen Fürsten auf Philipps Betreiben einem gegen katholische Anmaßung begründeten Bund beitraten, der Philipp neben dem Kurfürsten von Sachsen zum Haupte natte und dessen Frucht der Religionsfriede von Nürnberg 1532 wurde mit dem Zugeständnis freier Religionsübung der Protestanten. Die Confessio Augustana hatte er unterschrieben, aber nicht als wörtlich bindenden Abschluß der geistlichen Bewegung, sondern als geeig- neten Ausgang für weitere Entwickelung. Merkwürdig, aber für die jetzigen Verhältnisse bezeichnend ist, daß Philipp uns heute als Vorkämpfer des Evangeliums vor allem wert ist, und daß die Tat, die ihm den Beinamen des Grossmütigen, d. h. des Hochherzigen — Magnanimus— erwarb, und die Luther als Philipps größte Tat bezeichnete, uns in den Hintergrund tritt. Aber erinnert sei auch in dieser Stunde an den Feldzug des Jahres 1534, durch den der Fürst seinem Vetter, dem vertriebenen Herzog Ulrich von Württem- berg gegen den Kaiser, obgleich abgemahnt von Allen, auch von Luther, zu seinem Lande wieder verhalf. Da sehen wir Philipp als Führer eines ausgezeichneten, man möchte sagen modern ausgerüsteten Heeres von 4000 Reitern und 20 000 Mann Fußvolk am 13. Mai die kurze Schlacht bei Lauffen glänzend schlagen; siegreich öffnet er dem nicht ohne eigene Schuld seit 1519 länderlos gewordenen Ulrich die Pforten seines Reiches wieder. Wie wurde der Landgraf bei der Heimkehr ins Hessenland bejubelt! Philipp stand auf der vollen Höhe seines Lebens. Eine Denkmünze liess er schlagen, auf der zwar ein Rad die Unbeständigkeit des Erdenglückes symbolisierte, aber auch der Glaubensspruch sich fand:„Meine Stärke, Glück und Lob ist mein Herr und Gott!“ Beides ist für ihn Wahr— heit gewesen!
Und da entrollt sich uns ein Bild, das die Sonne vermissen läßt. Philipp zerbricht mit eigener Hand sein Glück. Esist die nicht seltene Tragödie hessischer Fürsten, daß bei lauterstem Charakter, ja bei ruhmreichem Wirken ein Vorwuri sich erhebt, in dessen Dunkel die Sonnen- strahlen sich leicht verlieren können. Wenn Landgraf Karlund Landgraf Friedrich II. der Soldaten-


