Aufsatz 
Zum vierhundertjährigen Geburtstage Philipps des Großmütigen : Rede, gehalten am Königlichen Gymnasium zu Rinteln am 12. November 1904 / von ... Braunhof
Entstehung
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wenn er dem Elend gegenüber sein Wort voll betätigt:Ich kann dort keinen Glauben merken, wo die Liebe fehlt. Etwa 50 hessische Klöster öffneten dem neuen Geiste ihre Pforten: wie treu hat Philipp einerseits für die bisherigen Mönche und Nonnen gesorgt, wie warmherzig hat er andererseits die früheren Klöster nutzbar gemacht für die Kranken, Schwachen, Verlassenen! Da ragen namentlich in solchen vier vormaligen Klöstern die schönsten Denkmäler des Landgrafen hervor; die Namen Haina, Merxhausen, Hofheim und Gronau brauchen nur genannt zu werden, um zu erinnern an Balsam für schwerste Wunden. Philipp hat diesen Balsam gespendet, indem er diese Klöster für die Aufnahme der Allerunglücklichsten, zumal der Irrsinnigen, Epileptischen bestimmte. In anderen Klöstern lässt er Schulen erstehen. Den evangelischen Geist aber in aller Zeit zu pflegen durch Ausbildung der geeigneten Männer, schuf Philipp die erste Universität ohne päpst- liche Genehmigung: die erste evangelische Universität, Marburg. Im Mai 1527 liegt die hochdenkwürdige Feier dieser Stiftung. Jede Fakultät ist von Philipp mit den allerbesten Kräften und in weitherzigem Sinne besetzt Vorden, keineswegs nur die theologische. Von letzterer aber hat er erwartet, dass sie den Fortschritten theologischen Erkennens allzeit dienen werde, und Marburg hat bis heute dieser Erwartung genügt. Dass ein Fürst, der in solcher Weise sorgte, auch unmittelbar seines Volkes Wohl durch Hebung der Sittlichkeit förderte, braucht nicht erwähnt zu werden. Bis ins Kleinste der Verwaltung ergehen seine Verordnungen. Auch die gesundheitlichen Verhältnisse fasst er ins Auge, die Verlegung der Totenhöfe vor die Städte und Dörfer, führt sich auf ihn zurück. Dabei war er selbst ein Vorbild der Uneigennützigkeit, indem z. B. von den eingezogenen Klostergütern auch nicht ein Pfennig von ihm zu Eigenzwecken verwandt wurde. Von seiner Selbstlosigkeit legt Luther Zeugnis ab in dem Wort:Wollte er vom Evangelium abfallen, so Würde er vom Kaiser und Papst erlangen, was er nur wollte. Er bekannte die Lehre des Evangelii, sonst konnte er des Kaisers und Papstes lieber Sohn sein.

In Hessen war der Fortgang der Reformation gesichert; nicht so im übrigen Deutsch- land. Da dürfen wir denn Philipp folgen zu einem anderen Höhepunkt seines reichen Lebens. Nur gestreift sei, dass der Fürst 1528 zu der Meinung gelangen konnte, es sei gemäss den bis heute noch nicht völlig klargestellten Angaben des sächsischen Hofbeamten Dr. Otto von Pack ein Bündnis katholischer Fürsten zu Breslau zur Vernichtung des Luthertums, zur Tötung vor allem des Erzketzers Luther beschlossen. Ohne Besinnen griff erdas Schwert der Reformation seine katholischen Nachbarn an und zwang mehrere Bischöfe zu Geldbussen. Bedrohlich genug sah es für die evangelische Sache aus im Jahre 1529. Kaiser, Papst, Frankreich waren in Eintracht, die Türkengefahr war geschwunden; da war Zeit zur Offensive gegen die neue Lehre. Der Reichstag zu Speyer sollte der Reformation das Ende bereiten: jede Neuerung verboten, die Messe nirgends gehindert, die evangelische Abendmahlslehre verworfen, das waren die geplanten Beschlüsse. Da sehen wir den hessischen Landgrafen, der an der Spitze von 200 gepanzerten Rittern wie zu einem Kriegszug herbeigezogen war, auf der Höhe: er veranlasst die Glaubensgenossen zur Gegenerklärung, zur Protestation. Durch Philipps Hand werden die Protestanten poli- tische Macht, gesonderte Reichspartei. Wie herrlich hätte nach Philipps Gedanken, der heute mit Macht sich erneuert, eine evangelische, deutsche Kirche erblühen können, wenn