Aufsatz 
Zum vierhundertjährigen Geburtstage Philipps des Großmütigen : Rede, gehalten am Königlichen Gymnasium zu Rinteln am 12. November 1904 / von ... Braunhof
Entstehung
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und des Anarchismus ist. Dass der entsetzlich blutige Aufruhr, der 100 000 Menschen das Leben kostete, von den Gegnern der Reformation ausgebeutet wurde, um diese zu unterdrücken, ist leicht einzusehen. Schon stellte sich Geoorg von Sachsen an die Spitze eines Bundes, die verhasste lutherische Sekte zu vernichten, da bekennt sich Philipp zur Reformation. Es wird heute anerkannt, dass damals Philipp es ganz allein war, der die Sache Luthers wieder aufrichtete. Auf dem Reichstage zu Speyer 1526 sehen wir ihn geradezu als Stimmführer aller Evangelischen. Damals wurde auch sein Losungs- wort allbekannt, das dort an der Wand unseres Saales schlicht, aber voll Wahrheitskraft zu lesen ist, das einst über den Türen der evangelischen Fürstenwohnungen zu Speyer, wie auch an den Armeln der fürstlichen Diener angebracht war:Verbum Dei manet in aeternum. Philippwill lieber Leib und Leben, Land und Leute lassen, als von Gottes Wort weichen. Jener Wahlspruch aber fand sich seitdem sogar an hessischen Bauernhäusern.

Dass inzwischen Philipps Land die Gesinnung seines Fürsten erfahren, leuchtet ein. Noch im Wormser Jahre liess er in Cassel das Messelesen in deutscher Sprache zu, 1523 bestätigte er zum ersten Male in einem hessischen Dorfe, in Balhorn, einen evange- lischen Pfarrer: es waren Schritte zu dem Tage, den wir besonders ins Auge fassen möchten, dem Tage der Synode zu Homberg, der wirklichen Einführung der Reformation in Hessen. Es war am 21. Oktober 1526 auf einen Sonnabend, morgens um 7 Uhr, da sehen wir den Landgrafen mitten im Homberger Gotteshause sitzen, um ihn seinen Kanzler Feige, die Theologen Kraft, den 1. hessischen Superintendenten, und Lambert von Avignon den eigentlichen Leiter dieses Tages, sonst das Haus gefüllt von all den Abgesandten der Städte, der Ritterschaft, der Klöster, der Geistlichkeit. Es war eine glänzende, geistig hochbewegte Versammlung. In 23 Hauptsätzen nach der Seite des Ausbaues der kirchlichen Verfassung freilich zu ideal wird die reformatorische Lehre verkündet, gegenteilige Meinung wird zur Aussprache aufgefordert; nur ein Franziskaner, Ferber, will gegen die neue Lehre reden. Er fordert Gehör am folgenden Tage. So kommt der Sonntag. Noch mehr ist das Gotteshaus gefüllt, Ferber bestreitet dem Landgrafen das Recht, eine Synode zu berufen. Da antwortet Philipp kraftvoll und massvoll.Hätten wir Lust an Spaltungen, so hätten wir dies Religionsgespräch nicht veranstaltet. Versucht die Sätze aus Gottes Wort zu widerlegen! klingt aus seiner Rede hervor. Noch bekämpſen sich Ferber und Lambert, dann aber schweigt auf Philipps dreimaligen Aufruf Widerrede geltend zu machen, Alles. Nur der alte Dorfpfarrer aus dem nahe bei Cassel gelegenen Waldau erbittet die fernere Verehrung der Mutter Gottes. Es wird auf die rührende Bitte geantwortet mit dem Hinweis auf den einen Mittler zwischen Gott und Menschenherz. Die Reformation ist fürs Hessenland angenommen. Und Philipp war der Mann, sie einzuführen. Viel war er auf sich selbst dabei angewiesen, aber er übertraf z. B. nur an Bibelkenntnis gar manchen Theologen. Höchst wertvoll wars, dass er die milde, versöhnliche Art Melanchthons kennen gelernt hatte; diesem Umstande danken wir heute die rein evangelische Richtung im hessischen Glaubensleben. Melanchthon hatte eigens für Philipp die Schrift verfasstKurzer Begriff der erneuten christlichen Lehre.

In unseren Tagen ist mit dem kirchlichen Leben die Innere Mission verbunden wie die Frucht mit dem Baum. Es ist ein Beweis für Philipps gesundes Glaubensleben,