Aufsatz 
Festschrift zur Jubiläums-Feier des 50jährigen Bestehens der Unterrichtsanstalten der Israelitischen Religionsgesellschaft zu Frankfurt a.M. 1903
Entstehung
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Eltern. An der Spitze steht die Erziehung und Gewinnung für das Gottesgesetz, oder der individuelle Faktor und sein Ziel: die Ausbildung und sittliche Gestaltung der eigenen Persönlichkeit An der zweiten und dritten Stelle gewahren wir soziale Faktoren: jeder Israelit ist verpflichtet, der Kette der Menschengeschlech- ter neue Glieder anzuhängen und somit für seine Person den Bestand der Menschengesellschaft verbürgen zu helfen, und end- lich durchgute Werke rein menschliche Pflichten gegen die Gemeinschaft zu erfüllen. ²⁴) Wir ersehen auch aus dieser Be- trachtung, wie Individual- und Sozialpädagogik im alten Juden- tum zu einem unlöslichen System verbunden sind.

Die Herrschaft und das Wirken der Eltern im Hause sind ein Abbild der göttlichen Regierung und Waltung in der Welt, die Eltern die irdische Vorschung der Kinder, das Haus eine von sittlichen Ideen durchwaltete Welt im kleinen, ein sittlicher Mikrokosmos. Die talmudischen Gesetzeslehrer vergleichen unter fortwährender Anlehnung an Schriftverse die den Eltern geschul- dete Ehrfurcht ausdrücklich mit der Gott zu erweisenden Ehr- furcht. Diese Gleichstellung scheint sich uns schon in der sprach- lichen Fassung der Zehngebote auszusprechen. Diese sind näm- lich bis auf zwei Gebote negativ gefasst, also Verbote. Von den zwei positiv gefassten Geboten ist das erste die Pflicht der Sabbatheiligung, also ein Gott gegenüber zu erfüllendes Gebot, das zweite aber befiehlt die Verehrung von Vater und Mutter. Und ferner: an der Spitze der Zehngebote steht das Wort: Ich bin Gott, Dein Gott, der dich aus Agypten herausgeführt hat, aus dem Sklavenhause. An der Spitze des zweiten Teiles des Dekaloges aber, nämlich der das Leben der Menschen unterein- ander regelnden Vorschriften, steht das Gebot der Elternver- ehrung. Und endlich: in dem ersten Satze fordert Gott als der Befreier aus dem Lande der Sklaverei seine Anerkennung als einig einziger Gott, in dem Satze von der Elternverehrung spielt das Land der nationalen Freiheit und Selbständig- keit eine Rolle.Ehre Deinen Vater und Deine Mutter, heisst es,damit Deine Tage lang werden in dem Lan de, das Gott Dir giebt. Die Väter und Mütter in Israel sind gewissermassen

24) Manche verstehen unterguten Werken die religiösen Pflichten ganz allgemein. 6

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