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bar gegeben vorfinden muß, und daß dies allein die Bedeutung ſei, in der man ſagen könne, Genie und Talent müſſe angeboren ſein: ſo iſt damit ſoviel wie nichts geſagt. Genie und Talent ſind etwas von Natur Gegebenes. Warum das? Weil ſie das Subject nicht hervorbringen kann. Warum kann aber das nach Hegel allmächtige oder abſolute Subject dieſe Dinge nicht hervorbringen? Hier begegnen wir einem großen Mangel des Syſtems. Was das Subject nicht kann, muß das Object der Natur hervorbringen. Genie und Talent ſind von Natur gegeben. Nun iſt aber das Object bei Hegel ſowohl wie bei der Trausſcendentalphiloſophie überhaupt, von Plato bis Hegel, vom un bis zum objectiven Geiſte das Unvollkommenere und Geringere im Verhältniß zum Geiſt oder dem Subſfect. Wie ſoll nun das Unvollkommnere und Geringere etwas können, was das Vollkommnere und Höhere nicht kann; und gerade Genie und Talent hervorzubringen iſt doch etwas, was ſo recht für das Schaffen des abſoluten Geiſtes paſſend wäre, iſt doch etwas, vor dem ſich der ſubjective Geiſt in Demuth beugt! Daraus geht hervor, daß mit Hegels Darlegung wenig oder nichts gewonnen iſt. Wenn Genie und Talent etwas wären, was die Natur hervorbringen könnte, ſo würden wir ein Stre⸗ ben der Natur wahrnehmen, dieſe herrlichen Anlagen, die keineswegs etwas Zufälliges oder Abnormes ſind, ſondern gerade die höchſten und vollendetſten Organe, durch welche die Natur erkannt und reproduciert werden kann, bei allen Men⸗ ſchen gleichmäßig zum Daſein und zur Entfaltung zu bringen; es würde dies ein Trieb der Natur ſein, ſich gleichſam in höherer Potenz im Subject zu realiſieren, der vollkommen berech⸗ tigt wäre. Dem iſt aber in Wahrheit nicht ſo. Wir finden jene Anlagen verhältnißmäßig bei nur wenigen Menſchen, bei vielen gar nicht; und wie ſoll man nun dieſe empiriſche That⸗ ſache mit dem Weſen und Begriff der Natur in Uebereinſtim⸗ mung bringen? Und wenn nun nach Hegels eigenem Geſtändniß Genie und Talent nicht vom Subject hervorgebracht werden können, ſo drängt ſich uns allerdings mit nicht abzuweiſender


