Aufsatz 
Über die Berechtigung des Idealen in der Kunst / von Fr. Braun
Entstehung
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Thätigkeit, als den Begriff fortwährender Entwicklung zu er⸗ kennen haben. Alle Ruhe iſt innerhalb dieſes Begriffes nur eine relative. Daher muß auch Alles, was unſerem Ich urſprünglich immanent iſt, durchaus Thätigkeit ſein. Alle Thä⸗ tigkeit wird aber dadurch erſt zu einer beſtimmten, daß ſie eine beſtimmte Richtung auf ein Object nimmt. Da nun aber die Objecte ſelbſt ſehr verſchieden ſind, die Thätigkeit aber ſich nach den Objecten richtet, ſo wird die von Haus aus ganz allgemeine und unbeſtimmte Thätigkeit durch ihr Object zu einer beſtimmten; und ſo nennen wir die das Ideal hervor⸗ bringende Thätigkeit unſeres Geiſtes die idealiſierende. Alles nun, was das Weſen dieſer Thätigkeit ausmacht, iſt das Ideale an ſich.

b. Vom UIrſprung des dealen.

Dieſe idealbildende oder idealiſierende Thätigkeit findet ſich in der beſchriebenen Weiſe in dem Organismus unſeres Geiſtes, vorausgeſetzt, daß ſie ſich überhaupt in unſerem Geiſte findet. Sie iſt nämlich nicht in jedem Geiſte, nicht in jedem indivi⸗ duellen Ich anzutreffen, wenigſtens nicht in der Stärke, daß von ihr als einem Beſonderen die Rede ſein könnte. Es gibt, wie die Erfahrung lehrt, Menſchen, bei denen ſie nicht vorausge⸗ ſetzt werden kann, ⸗weil ſie ſonſt unthätig im Innern ruhen müßte; und gerade dieſes widerſpricht, wie wir geſehen haben, ihrem Weſen. Wir müſſen annehmen, daß ſie ſich da, wo ſie iſt, auch ihrem Weſen gemäß äußert, d. h. als Thätigkeit offen⸗ bart. Und dieſe Erſcheinung hat ja auch gar nichts Auffallen⸗ des, da man ja einig iſt, daß die idealiſierende Thätigkeit das Vorrecht künſtleriſch ſchaffender Naturen iſt, ein Etwas, welches nicht die allgemeine Analogie der Erfahrung beanſpruchen kann und darf, daß man ſie, um mich eines Bildes zu bedienen, als die Wiege des Genius anzuſehen hat. Hoͤren wir nun, was Hegel von der künſtleriſchen Phantaſie ſagt!Es iſt eine häufig aufgeworfene Frage, wo denn der Künſtler die Gabe