Aufsatz 
Über die Berechtigung des Idealen in der Kunst / von Fr. Braun
Entstehung
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das Ideale iſt nur die nothwendige Folge des Ideals. Sodann aber bezeichnet das Ideale auch das, woraus das Ideal erſt entſteht, geht demſelben voran und bildet ſomit das prius zu ihm, und in dieſem Sinne müſſen wir das Ideale zunächſt hier an dieſer Stelle verſtehen. Als ſolches iſt es nun zunächſt etwas ganz Allgemeines und in ſeiner Allgemeinheit noch gänz⸗ lich Unbeſtimmtes, das noch völlig prädicatloſe Subſtantielle des Ideals, das aber die Fähigkeit unendlicher Geſtaltung als etwas ſeinem Weſen Zukommendes in ſich beſitzt. Als ſolches iſt es noch nicht das Ideal, aber das, woraus ein jedes Ideal ſeiner innerſten Natur nach ſich entwickelt. Dieſes Ideale an ſich würde nun eine reine Abſtraction des Gedankens ſein und als ſolche eine Hypotheſe ohne Realität, wenn es ſich nicht unſerem Denken und unſerer Erfahrung als ein Leben⸗ diges und ſomit als ein wahrhaft Wirkliches darſtellte. Da⸗ durch gelangt es zum Begriff unendlicher Thätigkeit und wird ſomit eine Thätigkeit unſeres Geiſtes, die, wie alle reinen Thä⸗ tigkeiten desſelben, mit dem Weſen des Geiſtes urſprünglich identiſch iſt, d. h. es iſt eine im einheitlichen Organismus unſeres Geiſtes aprioriſtiſch ſich vorfindende Thätigkeit, eine reine Form des Geiſtes, die durch ihren Inhalt oder ihr Object näher beſtimmt wird und ſich, da ſie mit dem Geiſte ſelbſt identiſch iſt, ſich auch ſtets mit dem Weſen unſeres Ichs Eins weiß. Dieſe Thätigkeit, welche potenziell ſo viel ſein kann, iſt alſo eine im einheitlichen Organismus unſeres Geiſtes aprio⸗ riſtiſch liegende Realität, ähnlich wie die den reinen Denk⸗ formen oder Kategorien bei Kant zu Grunde liegenden apriori⸗ ſtiſchen Thätigkeiten der reinen Vernunft auch nichts anderes als Modificationen des einheitlichen Seelenweſens ſein ſollen, was Kant in der Lehre von der ſnyuthetiſchen Einheit der Apperception nachweiſt. Es bedarf hier nicht weiter der Erwäh⸗ nung, daß wir das Ich oder die individuelle geiſtige Perſön⸗ lichkeit zunächſt für uns als die höchſte Realität zu faſſen haben; nur das will ich hier beſonders betonen, daß wir dasſelbe nicht als einen Begriff der Ruhe, ſondern als den der