Aufsatz 
Über die Berechtigung des Idealen in der Kunst / von Fr. Braun
Entstehung
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relativ etwas Wahres, nämlich daß der Künſtler bei Hervor⸗ bringung eines Kunſtwerkes ſich nicht vom ſchaffenden Genius allein leiten laſſen, ſondern ſein Auge fortwährend auf die Natur richten ſoll, und dieſe Forderung des Natürlichen in der Kunſt iſt etwas Realiſtiſches und iſt vollkommen berechtigt. Aber das Falſche liegt hier, wie gar oft, in der Einſeitigkeit, mit der man die Forderung des Natürlichen faßt, indem man nämlich die der Natur als ſolcher von vorn herein gegenüber⸗ ſtehende idealiſierende Kraft des Geiſtes nicht in gebührender Weiſe accentuiert.

Es wird noch einen dritten Theil der Kritiker des Themas geben; dieſe werden in ihm etwas anderes ſehen, als die beiden ſo eben angeführten Richtungen; ſie werden den idealiſtiſchen und den realiſtiſchen Standpunkt darin vereinigt und das Thema im Sinne der ſogenannten modernen Kunſtanſchauung gefaßt ſehen, nach welcher Idealität und Realität vereinigt ſein, der Künſtler ſich an die Natur anſchließen, dieſelbe aber geiſtig reproducieren und dadurch mit idealem Gehalte erfüllen ſoll, ſo daß hiernach das Kunſtwerk die idealiſierte Natur iſt und dadurch ſich eben ſo ſehr von der einſeitig idealiſtiſchen Rich⸗ tung der romantiſchen Schule als von der durch den Materia⸗ lismus der Naturwiſſenſchaften neuerdings verbreiteten einſeitig realiſtiſchen Auffaſſung entfernt hält. Wir können nicht leugnen, daß dieſe Anſicht dem Geiſte moderner Weltanſchauung entſpricht und die gegenwärtig um Anerkennung und Herrſchaft ringende Lehre moderner Aeſthetik iſt. Gleichwohl kann der Verfaſſer auch hiermit nicht ganz ſich einverſtanden erklären. Es wird einen Punkt geben, wo die Anſicht desſelben mit der der Trä⸗ ger jener modernen Grundſätze im Widerſpruch ſteht, wie aus der Darlegung ſelbſt, zu der ich hiermit übergehe, deutlich er⸗ hellen wird.

Da nun die ganze Darlegung eine ſchwankende ſein wird, wenn nicht zuvor der Grund und Boden genau eröͤrtert und feſtgeſtellt iſt, auf dem ſie ſich bewegt, ſo erſcheint es zunächſt unerläßlich, vom Idealen überhaupt und dem Ideal im Beſon⸗